Haus der Statistik: Hüllen

Bin nur noch Hülle, viele Hüllen, umhüllte Hüllen. Suchen Sie sich eine meiner Fensterreihen aus. Schauen Sie ganz kurz auf jedes Fenster in dieser Reihe, von rechts nach links, oben nach unten, hinten nach vorne, wie Sie möchten. Sagen Sie bei jedem Fenster Hülle. Ganz schnell nacheinander: Hülle Hülle Hülle Hülle Hülle Hülle. Das Wort wird zu etwas Eigenständigem, Abstraktem, lässt seine Bedeutungshülle fallen und ist nur noch kurzes Hauchen, eine knappe, schlagende Bewegung der Zunge, im Klang direkt neben der Hölle. Hülle Hülle Hülle Hülle. Rhythmisch, ohne Zierrat, wie meine Fassade, Fenster an Fenster, Rahmen, Glas, Rahmen, Glas, darunter eine Reihe weißer Platten, dann wieder Rahmen, Glas, Rahmen, Glas.

Das ist meine Fassade. Ich bin ein Gebäude, früher hieß ich „Haus der Statistik„. Diese Fassade könnte mein Gesicht sein. Doch es ist kein Leben mehr in mir. Die Fenster dreckig und allzeit dunkel, die weißen Platten ergraut: geblieben ist eine von Architekten gestaltete Totenmaske. Auf meinen Fluren klappern keine Schuhe mehr. In den Zimmern stehen keine Möbel mehr, die Akten, Zahlenkollonen, Diagramme, Tafeln, Menschen, Stühle, Kaffeemaschinen, Zimmerpflanzen, Stifte, Büroklammern, heimlichen Wodkavorräte – alle sind sie weg. Es steht noch meine äußere Hülle, von der der Regen die Farbe langsam abwäscht.  Eine Vielzahl von Wänden, die im Innern Hüllen für leere Zimmer bilden. Auf jeder Etage wackelige Trennwände aus Sperrholz, die Klosetts verhüllen. Trocken gelegte Klosetts, denn der Hauptwasserhahn ist seit Jahren zugedreht. Hülle Hülle Hülle. Ein Hauchen und Zungenschlagen. Verstaubt, muffig, leer.

Ab und an interessieren sich Touristen für meine äußere Hülle. Sie fotografieren mich, vor allem die dampfende Kaffeetasse. Immerhin werde ich wahrgenommen. Immerhin schafft es ein Bild von mir in das Bewusstsein einiger Passanten. Das ist mehr, als den meisten anderen Gebäuden dieser Stadt zuteil wird. Menschenaugenpaare gleiten zwar über deren Fassade, doch werden sie nicht gesehen. Diese Gebäude werden im Ultrakurzzeitgedächtnis der Menschen als nicht lebensnotwendiger und uninteressanter Wahrnehmungsmüll gleich wieder entsorgt. Über mich formt sich wenigstens ein Gedanke in den Hirnen der Betrachter: Ist schön, ist hässlich, muss weg, muss bleiben, was war das noch mal? Ach Erna, weißte noch, die Suhler Jagdhütte? Und der Nataschaladen! Sie schenken mir einige Sekunden ihrer wachen Zeit. Dafür bin ich dankbar.

Meiner Eitelkeit hat es geschmeichelt, dass ich gezeichnet und auf T-Shirts und Kissenhüllen gedruckt wurde. Dass ich mit etwas rotem Licht bestrahlt erst zu einer Kunstaktion wurde, später sogar für einige Wochen an einem imaginären Meer gestrandet war. Doch all diese Aufmerksamkeit wärmt nur für einen Augenblick. Ich bin und bleibe ein ausgeweidetes Gebäude ohne Funktion. Als die Party zur Wiedervereinigung vorbei war, war ich der neuen bundesdeutschen Beamtenfamilie so lästig wie ein zappeliger Köter, den man nicht mit in den Sommerurlaub nehmen will. Die staatlichen Statistiken werden jetzt in einem höheren Gebäude, das aber ebenso lange, gleichmäßige Fensterreihen hat wie ich, in Wiesbaden erstellt. Eine neue Bestimmung wurde für mich und meine alten DDR-Nachbarn nicht gefunden. Dem Berliner Beamtenadel fiel nur eines ein: abreißen. Irgendwann.

Nun stehe ich hier und warte auf die Gnadenbirne. Bei Ostwind zittern die Fensterscheiben in den Rahmen und mir entfleucht ein Ächzen. Es steigt aus dem Keller auf, kriecht durch die Fahrstuhlschächte und Treppenhäuser hoch, zögert kurz unter dem Flachdach bis es durch die Dachpappe dünstet und sich in den Berliner Abendhimmel verflüchtigt. Hoch über der Stadt sammelt sich an solchen Ostwind-Abenden eine Wolke aus Seufzern der heruntergekommenen Gebäude. Wir gedenken der Nachbarn, die von ihrem sinnlosen Dasein bereits erlöst sind. Manchmal schallt es spöttisch aus dem Westen herüber: „Jammerossis“. Glauben die wirklich, einen Haufen baufälliger Untoter damit beleidigen zu können?

Wir Ostschabracken trösten uns gegenseitig, indem wir uns an windstillen Abenden die neuesten Gerüchte zutuscheln. Unser liebster Klatschgegenstand ist der große Vorzeigebruder der sozialistischen Architektur: der Palast der Republik. Zu seinen Lebzeiten zogen wir voller Neid und Misgunst über ihn her. Darüber, dass knappe Devisen für Baumaterial aus dem Westen verprasst wurden, dass die besten Brigaden mit den geschicktesten Bauarbeiter-Händen sein Stahlträgerskelett schweißten und die weißen Marmorplatten außen montierten. Marmor! Wer von uns wagte denn, davon auch nur zu träumen? Vor allem aber konnten wir es nicht ertragen, dass der Palast seine ganzen 30 Lebensjahre lang liebevoll gewienert und repariert wurde, während wir wegen chronischen Materialmangels verwahrlosten.

Zum Ende wurde dem Palast übel mitgespielt. Der jahrelange Leerstand, die brutale Asbestsanierung, der lange, qualvolle „Rückbau“-Tod – das hatte er nicht verdient. So freuen wir uns jedes Mal, wenn wieder ein Gerücht über die Schornsteine weht, dass irgendwo Material aus dem Palast eingesetzt wird. Mal sollen junge Menschen auf seinen Granitplatten skaten, mal werden die bronzenen Fenster in einem Seniorenzentrum in Schleswig-Holstein, in einem Pavillion in Südfrankreich oder einer Skulptur in Stuttgart verbaut. Die wildesten Gerüchte ranken sich aber um sein wuchtiges Stahlskelett. Hartnäckig hält sich eine Legende, wonach die Stahlträger zur tragenden Struktur eines Neubaus in Mitte zusammen geschweißt wurden.

Es sind diese kleinen Auferstehungsgeschichten, die den Schmerz in den kalten Betonfundamenten lindern. Die mir helfen, die Wartezeit zu überstehen, bis ich unter den Schlägen der Abrissbirne endlich zu Staub werde.

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Nach meiner kleinen, größeren Planänderung und der Reduzierung der Erzählperspektiven, weiß ich nicht, ob dieses Kapitel überhaupt noch Teil der Erzählung werden wird. Aber ich kann es gut leiden. Ich habe über drei Monate hinweg immer mal wieder daran gearbeitet. Also dachte ich: Planänderung – na und?!  Der Textilstrand ist ein Arbeitsjournal, da dürfen auch mal bereits abgeschriebene (*harhar*) Texte veröffentlicht werden.

Ideenmüll und neue Pläne: Update Glasblume

Für das Schweigen hier am Strand gab es Gründe. Gute Gründe? Das ist schwer zu beantworten. Sagen wir: berechtigte Gründe. Ich habe ein halbes Dutzend angefangener Kapitel für mein Projekt „Glasblume“, die als Entwürfe im WordPress-Backend langsam digitalen Staub ansetzen; gut 150 Seiten in den papiernen Notizbüchern mit Plot-Skizzen, Beobachtungen, Ideen für weitere Kapitel. Ich habe mit mir und dem, was sich an Texten und Ideen angesammelt hatte, lange gehadert – und fast nichts geschrieben. Mary-Ellen drohte in der von Selbstzweifeln und Hadern sauren Luft zu ersticken. Mein ursprünglicher Plan wäre beinahe zu einem nicht recycelbaren Stück Ideenmülls verschrumpelt.

Aufgeben kam aber nicht in Frage! Dafür kennen Mary-Ellen und ich uns schon viel zu lange, das hätte ich ihr nicht antun können. Auch ist mir das Thema noch immer so wichtig („Glasblume soll eine Erzählung werden über (…) die Schwierigkeiten, im heutigen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem mit Würde zu leben.“), dass ich daran weiter schreiben will, auch wenn das als Arbeitende mit Familie und Kind schwierig werden wird. Pardon, heutzutage hat ja beruflich keiner mehr Schwierigkeiten, sondern wir meistern alle nur noch Herausforderungen. Arbeit, Kind, Mann, Familie, Freunde, Sport, ordentliches Essen, sieben Stunden Schlaf und literarische Ambitionen in einen 24-Stunden-Tag zu packen, wird genau so eine Herausforderung werden. Aber ich schweife ab. Und lamentiere auch noch, pfui.

Im Politdeutsch würde man sagen, ich habe das bisher Geschriebene und meine Pläne einem Stresstest unterzogen. Letztlich musste ich feststellen, dass der Plot vorhersagbar und auch etwas langweilig war. Auch würde es nicht funktionieren, viele verschiedene Protagonisten gerade diese Geschichte erzählen zu lassen. Einzig das subjektive Erleben der von Erwerbslosigkeit und Hartz4 geplagten Haupfigur(en) ist entscheidend. Deren Stimmen müssen weder begleitet noch kommentiert werden. So habe ich kurzerhand Plot und multiperspektivisches Erzählverfahren in meinen ganz persönlichen Ideen-Mülleimer geworfen.

Ich denke, ich habe eine Lösung gefunden. Mary-Ellen und eine zweite Frau werden ihre Geschichten erzählt. Ich hoffe, dass die Reduktion der Perspektiven Klarheit bringt und auch von einer debütierenden Erzählerin zu bewältigen ist. An der Handlung bastle ich noch, mir fehlt noch eine gute Eingebung für die Verbindung beider Erzählstränge. Solange sich diese nicht einstellt, werden Charakterstudien und Kulissen an den Textilstrand gespült werden. Auch muss ich mich dringend um die Recherche kümmern, vielleicht gibt es dazu noch das eine oder andere hier zu berichten.

So wie sich meine Elternzeit dem Ende nähert und ich bald wieder mit dem Brötchenjob anfangen werde, wird mir klarer, dass ich auch meine Arbeitsweise verändern muss. Die Variante „Ich schreib dann mal drauf los und guck mal, was bei raus kommt“ wird mit einem arg limitierten Zeitbudget nicht durchzuhalten sein, wenn ich Glasblume noch in diesem Leben beenden möchte. Deshalb schreibe ich konkret gerade sehr wenig, sondern grüble über Handlung und Charakteren, versuche einen Plot zu stricken und die beiden Damen schon in meinem Geiste sprechen zu lassen. Daraus soll eine Erzählstruktur entstehen, die ich dann hoffentlich auch nachts, auf dem Weg zur Arbeit oder beim Wäsche-Aufhängen mit Worten befüllen kann.

So viel also zu den Plänen.

Nun denn: Ich grüble jetzt mal ein bisschen weiter und setze die Recherchen fort…

 

Nachtrag: Invisible Belfast

Das vor einigen Tagen besprochene ARG steht im Zusammenhang mit dem Belfast Book Festival, wie einer der Spieler herausgefunden hat. Eine schöne Zusammenfassung dazu gibt es bei Filmtrip. Aus diesem Artikel ein Zitat von Garwain Morrison, dem Produzenten des Spiels:

As book publishers, newspapers and writers embrace the world of new technologies a number of different ways to consume literature, and to have deeper levels of engagement, literature lovers are being offered a whole new way to engage with books & writers.  It’s great to have such a dedicated & creative team working on this game, and being able to run it as part of Belfast Book Week is just perfect. To be able to use this kind of gameplay to engage a new audience with literature, especially literature from N.Ireland is exciting.

 

Invisible Belfast: Alternate Reality Game mit vielen Literaturreferenzen

ARG Game Map for Invisible Belfast

Heute möchte ich eine kurze Empfehlung für ein gerade laufendes Alternate Reality Game (ARG) geben: Invisible Belfast. Aus literarischer Sicht ist es nicht nur interessant, weil es reichlich literarische Referenzen (Seamus Heaney, Ciaran Carson, James Joyce mit Finnegan’s Wake etc.) in dem Spiel gibt. Es ist vor allem ein spannendes Beispiel für nicht-lineares Erzählen und eine interessantes transmediales Projekt, das Blogs, Twitter, Facebook, ein echtes Theaterstück, dem man auch per Internet-Livestream beiwohnen konnte, und vieles mehr umfasst. Nachfolgend kurz das Intro zum Spiel und im Anschluss die wichtigsten Links, um an dem Spiel teilzunehmen.

The story of [in]visible belfast has begun.

The game launched at noon, 12 May 2011, with a message: ‚Embedded in every layer of the journey, you’ll find the past. All futures, in their infinite plurabilities, wait to be written.‘ Anyone registered on the http://www.invisiblebelfast.com website will have received this message, along with a clue. If you haven’t registered, you still can.

My name is Ana Kuipers, and I might be chosen as the protagonist, evident in the fact that @visiblebelfast has created a list on Twitter called The Protagonist that is following me and one other. The person, or people, who call themselves [in]visible belfast, have been watching me and filming me for weeks now. You can access several films that they created of me without my knowledge.

What we’re meant to do, what mystery we’re meant to solve, we haven’t yet been told, but the secrets of Belfast will apparently be revealed.

Some talented people have already joined in to help solve the mystery. We are communicating through Facebook and Twitter; friend me on Facebook to find out the latest, and search for me on Twitter (@anadanikak).

You also might learn a little more about the mystery through my blog and my YouTube channel, where I’ve been posting things that I’ve found, or things that have been sent or given to me. My blog is at http://anadanika49.blogspot.com . My YouTube channel is at http://www.youtube.com/user/AnaDanika49 .

Several advanced conspirators have already solved their way through the first series of clues, and have banked some important information at http://forums.unfiction.com/forums/viewtopic.php?t=32153&sid=0183320530ac4bdcee6b04ac6a37399f .

Please help me solve the mystery. Update this wiki with any information you think is useful for new conspirators and anyone who needs a quick summary of recent events. And enjoy taking on [in]visible belfast. :)

Best, Ana

Links zum Spiel

Streunen // Roam

für B.

Den Soundtrack unserer Jugend
auf Häuserdächern singen
Arme über Basilikum schwingen
(tanzen)

Aus Falten umringten Augen
gemeinsam in den Himmel schauen
die Love Shack auf dem Balkon bauen
(küssen)

Ins Blaue der Nacht hinaus
mit Dir auf einem Wal segeln wollen
nie wieder müssen nie wieder sollen
(streunen)

„Roam if you want to, roam around the world,
roam if you want to, without wings, without wheels!“

Haiku, Mütter

Voller Stolz den blauen Fleck
am Schenkel tragen –
Töchterchens erste Zähne.

Haiku, April

Donnergrau der Himmel, zart
nickende Tulpen,
Regen duftet pollensüß.

Das letzte Frühstück

[Mary-Ellen O‘., Platz der Vereinten Nationen, Berlin-Friedrichshain]

Meine Wohnung gehörte einmal anderen Menschen. Doch ihre Besitzer haben nie den Mietvertrag gekündigt. Oder was auch immer man in der DDR getan hat, wenn man aus einer Wohnung ausziehen wollte. An einem Morgen im frühen Herbst 1989 haben sie ein letztes Mal den kleinen Resopaltisch in der Küche für zwei Personen gedeckt: Teller, Kaffeetassen, eine Kaffeekanne und Zuckerdose – alles aus weißem Colditzer Porzellan mit einem sehr hübschen 70’er Jahre Blumenmuster in Kobalt- und Himmelblau (auf der Unterseite ist das cp-Logo und „made in GDR“ zu lesen) – dazu Edelstahlbesteck, ein Glas RoKoMa-Marmelade schwarze Johannisbeere, eine Butterdose aus orangem Plastik. Das war’s. Kein üppiges Festmahl, wohl eher ein schnelles, wenn auch kein gehetztes Frühstück. Immerhin nahmen sich die Bewohner die Zeit, Geschirr und Besteck in die Spüle zu stellen, den Stecker des Kühlschranks und sämtlicher Elektrogeräte in der Wohnung zu ziehen, die Bettdecken zum Lüften zurück zu schlagen und dann erst zu gehen.

Jedenfalls stelle ich mir vor, dass sie gingen. Wer noch die Krümel vom Frühstückstisch wischt, der wird nicht aus der Wohnung schleichen oder flüchten oder gar laufen. Nein, so jemand verlässt sie korrekt gekleidet, als machte man sich auf den Weg zur Frühschicht. Keine Koffer, nur eine große Einkaufstasche unter dem Arm, darin wie jeden Morgen zuvor Thermoskanne, Brotdose und einen Apfel, um bei den Nachbarn keinen Verdacht zu erregen.

Ich habe mir ihre letzten Minuten in dieser, meiner Wohnung dutzende Male vorgestellt. Sie stehen im Flur, ziehen sich Mäntel an. Sie bindet einen fliederfarbenen Chiffonschal um. Sie sprechen kein Wort, atmen etwas schwer, er hustet. Er greift noch mal an die Stellen seines Mantels, wo geheime Taschen eingenäht sind. Ein Hauch Funierpflege liegt in der Luft, sie hat am Abend zuvor stundenlang die Wohnung geschrubbt, wollte sie ordentlich hinterlassen. Dann drückt sie seine Hand und sie gehen. Ziehen die Tür leise zu. Schließen nicht ab. In der Hoffnung, diese Wohnung, dieses Land nie wieder zu betreten.

Sasse. So stand es noch am Klingelschild, als ich zum ersten Mal vor dieser Wohnungstür stand. Herr und Frau Sasse, „anständige Leute“ wie mir Frau Gutschmidt Jahre später erzählte. Sie sagte, er sei Techniker in irgendeinem VEB gewesen, sie Verkäuferin im Centrum Warenhaus am Alexanderplatz. Sie seien gerne und viel verreist, „hatten ja keine Kinder“ wie Frau Gutschmidt hinzufügte, hätten den ganzen Ostblock gesehen. Ihre Reiselust habe sie bis nach Moskau und Leningrad gebracht.

In der Wohnung fand ich die Insignien reisefreudiger Menschen: Landkarten, Reiseführer, Wörterbücher, Souvenirs, einen Kompass, ein Reisenähset und einen kleinen Fön mit klappbarem Griff und Bügeleisenaufsatz. Ich habe mir ausgemalt, wie Herr Sasse knieend auf einer Schlafwagenpritsche damit perfekte Bundfalten in eine Hose gebügelfönt hat. Frau Sasse hatte eine umfangreiche Sammlung von Pailletten- und Spitzenoberteilen, in denen sie nicht nur in den Opernhäusern des Ostens eine elegante Erscheinung gewesen wäre. In einem Anflug von kindlicher Verkleidungslust versuchte ich ein einziges Mal, mir eines ihrer Kleidungsstücke anzuziehen. Es war ein schwarz glitzerndes Oberteil mit Pailleten und Fledermausärmeln. Auf halbem Weg zwischen Handgelenk und Ellenbogen blieb ich im Ärmel stecken. Beim Versuch, meinen Arm zu befreien, ging eine Naht kaputt, die ich von Hand wieder reparierte, bevor ich das Oberteil in den Karton zu den anderen Sachen legte.

Im Wohnzimmer wurden in einer abschließbaren Vitrine die Andenken von unten beleuchtet: Sammelteller aus jeder Hauptstadt der Warschauer-Pakt-Staaten und bunte böhmische Kristallschalen. Dazwischen stand eine Matroschka, die mit ihren roten Backen und den feisten Rundungen merkwürdig deplatziert in diesem funkelnden Erinnerungsschatzkästchen wirkte. In einer Schublade direkt unter der Vitrine lagen die Landkarten in alphabetisch sortierten Haufen. Sasses hatten darin ihre Reiserouten mit Bleistift eingezeichnet, neben jedem Ort stand das Datum der An- und Abreise.

Obwohl sich ihr gesamter Hausstand noch in meinem Keller befindet, ich jeden Gegenstand, den sie in der DDR bessessen hatten, in meinen Händen hielt und in Kartons verpackte, ich den Stoff ihrer Unterwäsche zwischen meinen Fingern spürte und den Duft seines Rasierwassers und ihres Eau de Toilettes roch, als ich die Flaschen leerte und dann wegwarf: Sasses sind eine abstrakte Vorstellung für mich geblieben. Sie müssen ihre Flucht reiflich geplant haben. Ich habe keinen Brief, kein Foto, kein Tagebuch von ihnen gefunden. Kein einziges Wort, kein einziges Bild von diesen zwei Menschen, die laut Frau Gutschmidt seit den späten Siebzigern in meiner Wohnung wohnten. Nur ein paar Einkaufslisten in einer Frauenhandschrift.

Singen, Pubsauerstoff, Irisches Glück

[Mary-Ellen O‘., The Old Emerald Isle Pub, Berlin-Kreuzberg]

Den Alltag, das tägliche Hick-Hack lässt man mit seiner Jacke an der Garderobe des Pubs hängen. Sobald die Musiker ihre Instrumente ausgepackt haben, der erste Schluck von einem kühlen blonden oder einem warmen schwarzen Bier getrunken ist, aus der Tinwhistle die Töne hell und klar durch den Raum hüpfen, wenn das Brabbeln des Warmspielens von Flöte, Fiddle und Bodhrán erklingt und die Schuhe der Zuhörer auf dem greimigen Boden scharren, um noch ein klein wenig näher an den Musikertisch zu rücken, wenn der Fiddle-Spieler zu einem Reel, einem irischen Tanz, anhebt und es endlich los geht, dann bleibt für mich die Uhr stehen.

Die erste Note des ersten Liedes, die Peter noch allein auf seiner Fiddle spielt bis die anderen Musiker einsetzen, diese erste Note verschluckt in ihrem dünnen Notenhals mein Zeitgefühl. Stunden, Minuten vergehen, ich weiß es nicht. Drei Lieder in einem Set, zwei, vier oder mehr Sets werden gespielt, ich habe keine Ahnung, die Musik fließt stetig und klar. Ich bin einfach nur hier. Ich atme.

Pubsauerstoff ist ein gänzlich anderes Molekül als zum Beispiel Waldsauerstoff oder Großstadtsauerstoff. Er ist weicher und wärmer, etwas feuchter und mit einer Holznote gewürzt, er verhält sich wie abgewetzter Samt, der noch immer smaragd-grün schillert, zu frisch gewaschenem Leinen (Waldsauerstoff) oder einer Regenjacken-High-Tech-Faser (Großstadtsauerstoff). Pubsauerstoff also strömt durch meine Nase. Mit dem Einsaugen werden meine Trommelfelle weich und empfindlich für das Spiel der anderen Musiker, für den eigenen Charakter mit dem sie den Tune erklingen lassen. Ich atme aus. Über meine Haut klopft sich der Rhythmus in mein Inneres, die Stimmung des Publikums spüre ich auf ihr wie Wärme oder Kälte. Mit dem Tappen meines Fußes löst sich der Krampf aus noch nicht bezahlten Rechnungen und dem überzogenen Konto in meinem Magen. Ich atme ein — aus — ein — aus —

Der Tune von „The Sailor’s Bonnet“ tänzelt durch die Luft, schon hängt der letzte Akkord an Peters Bogen, er wird aufgefangen vom Klatschen der Zuhörer. Peter setzt sein Glas Guinness an die Lippen, er schaut mich über den Glasrand an, spricht meinen Namen fragend aus, haucht dabei etwas Bierschaum über den Rand und nimmt einen Schluck: „Mary-Ellen?“

Ich nicke, sauge Pubsauerstoff tief in mich hinein, die Lungenflügel weiten sich und dann schwingen meine Stimmbänder schon, als wüßten sie bereits vor meinem Gehirn, welchen Song ich nun singen werde. Der Nachhall der letzten Lieder im Raum, die Atmosphäre des Abends, Konzentration, Pubsauerstoff – alles ein – die Verse und Melodie des jeweiligen Songs wieder aus.

Where Lagan stream sings lullaby
There blows a lily fair
The twilight gleam is in her eye
The night is on her hair
And like a love-sick lennan-shee
She has my heart in thrall
Nor life I owe nor liberty
For love is lord of all.

And often when the beetle’s horn
Hath lulled the eve to sleep
I steal unto her shieling lorn
And thru the dooring peep.
There on the cricket’s singing stone,
She stares the bogwood fire,
And hums in sad sweet undertone
The songs of heart’s desire.

My Lagan Love – Als kleines Mädchen habe ich dieses Lied von meiner irischen Großmutter am Torffeuer in ihrer Küche gelernt. Jeden Sommer hat mein Vater seine deutsche Frau und seine drei Kinder in der Neuköllner Planetenstraße in sein Auto gesetzt, die Koffer auf dem Dach festgebunden und ist mit uns erst nach Calais in Frankreich gefahren, von dort haben wir mit der Fähre nach Dover übergesetzt, haben halb England bis nach Holyhead durchquert und nahmen eine weitere Fähre nach Dun Laoghaire, südlich von Dublin. In vier Tagen hatten wir den eisernen Vorhang passiert und waren durch weite Teile Nordeuropas gefahren. Auf den schlechten irischen Straßen dauerte es dann fast noch einen ganzen weiteren Tag, um die paar hundert Kilometer bis nach Ballynacarrigy in der Provinz Westmeath zurück zu legen. In meiner Erinnerung leuchten die Felder weizengold, als mein Vater endlich seinen Wagen auf dem kleinen Bauernhof seiner Eltern parkt, direkt neben dem Kuhstall.

Den ganzen Sommer verbrachten wir dort. Alle kamen uns bei Oma Frances und Opa John besuchen: die Brüder und Schwestern meines Vaters, seine Tanten und Onkel mit ihren Kindern, die Nachbarn, der Priester. Es war ein ständiges Kommen und Gehen, Essen und Musizieren und wir Neuköllner Großstadtkinder liebten es, von morgens bis abends in Gummistiefeln auf den Felder zu spielen. Das irische Sommerglück meiner Kindheit hat sich so angefühlt: mit nackten Füßen in einem frischen, warmen Kuhfladen stehen und zugucken, wie meine Zehen im Dung versinken.

In Oma Frances Küche hat mich die irische Musik gefunden. Ich hätte sie mir gar nicht selbst aussuchen können, dafür war ich noch viel zu klein.  Ich war so klein, dass ich nicht auf einem Stuhl, sondern auf einem umgedrehten Eimer gesessen habe. In dem Alter kann man außer dem Lieblingsbonbon noch gar nichts wählen, da passieren einem Dinge. So ist mir die irische Musik passiert und meine irische Oma hat mir die Lieder beigebracht. Beim Kartoffelschälen haben wir gesungen. Um die für mich damals komplizierten Englischen, später auch Gaelischen Texte singen zu können, hatte ich vor lauter Konzentration die Augenlieder immer fest zusammen gepresst. Selten habe ich mehr als meine eigene Portion Kartoffeln geschält.

Wenn ich bei einer Session singe, habe ich auch heute noch die Augen fest geschlossen. Singe ich auf einer Bühne, kann ich das Publikum anschauen. Selbst im Einen-guten-Namen-für-die-Bar-muss-ich-mir-noch-ausdenken, einer kleinen Bar, wo die Bühne nur 30 Zentimeter hoch ist und die ersten Gäste lediglich einen halben Meter von mir entfernt sitzen. Bühne bedeutet Performance, Spiel im Sinne von Schauspiel, etwas darstellen. Selbst die kleinste Bühne bedeutet Distanz; eine Distanz, die mich mutiger und selbstbewußter macht, als ich eigentlich bin.

Bei einer Session jedoch sitze ich mittenmang zwischen den anderen Musikern, mittenmang zwischen denen, die nicht musizieren, aber genau so Teil der Session sind wie ich. Es wird weniger dargestellt, obwohl es natürlich auch hier Rampensäue wie Peter gibt. Ich weiß, dass die meisten vor allem das gemeinsame Musizieren genießen. Die good vibes, der great craic sind das, wofür es sich lohnt aufzustehen. Als Sessionmusiker ist man süchtig danach, auch ich. Bei geschlossenen Augen kann ich wieder den harten Rand des Blecheimers an meinem Po spüren, die feuchten Kartoffelschalen zwischen den Fingern. Erst spät, ich war schon zu einem Mädchen mit Monatsblutung und Brüsten gereift und Oma Frances war eine gebrechliche alte Frau mit dünnen O-Beinen, habe ich den Inhalt dieser Verse, die ich seit Jahren sang, begriffen. Die Klagen der Einsamen, Verlassenen, derjenigen, die ihre Heimat vermissen, das nur angedeutete erotische Verlangen – von einem Tag auf den anderen verstand ich plötzlich die Bedeutung dieser Worte. Es waren Worte, die nicht nur von alten Iren aus grauer Vorzeit überliefert waren, sondern Worte, die den dumpfen Gefühlsmorast meiner Pubertät beschrieben. Worte, in denen ich mich bis heute finden und verlieren kann.

Die geschlossenen Augen haben aber noch einen weiteren Vorteil: Ich muss nicht den immer erstaunten, mitunter spöttischen Blick der Zuhörer ertragen, wenn sie entdecken, dass der zarte Sopran, der durch den Raum schwebt, nicht zu einem Rotkehlchen gehört, sondern der Kehle eines Nilpferdes entstammt. Ich bin nämlich dick. Sehr dick, sogar fett. A-di-pös.

© Helen Sonntag, 2011, aus „Glasblume„.

Gute Videos von guten Sessions zu finden ist schwierig. Hier eines, welches die Stimmung und die von Mary-Ellen beschriebene Lebensfreude beim Musizieren sehr schön zeigt.

Zum Abschluss noch Mary Black, die My Lagan Love singt.

Sonne, noch kühl.

Die winterblasse Seele schlummert
im ersten Sonnenschein. Melancholie schmilzt
aus meinen Träumen, tröpfelt,
versickert in karger Erde.

Ein schönes, exakt mein Gefühl an diesen beiden sonnigen Tagen treffendes Gedicht von Andreas Noga gibt’s heute übrigens bei Lyrikmail.