Monthly Archive for November, 2007

Eine alte Dame

Eine erste Annäherung an das Thema. Die richtige Form ist noch nicht gefunden.

06:30h. Eine alte Dame greift mit der Rechten ihr linkes Handgelenk. Durch die Spitzengardine fällt gelbes, gewürfeltes Licht. Jeden Morgen probiert sie es erneut: Sie führt die Hand über den Bauch, zieht sie etwas hoch, das Federbett raschelt dazu, und klatsch! fällt sie herunter.

06:32h. Neunzig schnelle, etwas ruppige Striche von der Schulter bis zu den Fingerspitzen – einen für jedes Jahr, das ihr der Arm gehorcht hat. Anschließend reißt sie das Blatt mit dem gestrigen Datum vom Kalender, zerknüllt es und wirft es hinter das Bett. Wollmäuse toben um den Haufen überstandener Tage.

07:13h. Vorher konnte sie sich auf den Pfleger stützen und mit ihm die fünf Schritte zur Toilette tapsen. Jetzt wechselt er eine Windel und versprüht Raumspray der Sorte „Meeresbrise“.

07:45h. Der Himmel ist genauso grau wie die Leberwurst auf dem Brötchen.

08:44h. Mit Augen stumpf vom Star verfolgt sie jede Minute, wie sie einzeln zur Tür hinaus kriecht.

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Instinkte eines Berufsparanoikers

Benjamin Stein lädt in seinem Turmsegler ein, eine eigene Variante der Bus-Szene aus Raymond Queneaus 101 Stilübungen zu schreiben. Hier also mein Versuch. Da mein Französisch ohnehin nur noch zum Bestellen von Essen taugt und ich mich schon gar nicht mit französischen Dialekten auskenne, wird hier der Dialekt einer anderen europäischen Hauptstadt gesprochen.

„Die Kameras am Gare Saint-Lazare zeichnen einen ganz normalen Tag auf. Berufsverkehr, zehntausende Pendler, Menschen wechseln Züge oder koofen eine Zeitung. Da. Ein Ticket ploppt auf meinem Bildschirm auf. Die Überwachungszentrale der Busgesellschaft beobachtet schon seit einigen Minuten eine Rangelei in einem Bus der Linie S, Richtung Champeret, Kennzeichen 2928 TW 75. Es dauert eine Minute und 22 Sekunden bis ich mich in die Kamera des Buses eingeklinkt habe. Continue reading ‘Instinkte eines Berufsparanoikers’

Die erste Nacht des Winters

Nur noch drei Schritte bis zur Bürotür. Die Welt dahinter wurde entführt. Es ist nichts mehr da: keine Autos, keine Menschen, die Gebäude auf der anderen Seite des Platzes sind verschwunden. Alles wurde aufgelöst in diesem reinen Schwarz des Winters. Eine Laterne funzelt müde dagegen an.

Buchen, Eichen, Birken und einige Kiefern wiegen sich im Wind. Nur zwei Meter neben dem Weg wird aus der Dunkelheit jenes schwarze Reich, dass meine kurzsichtigen Augen nicht durchdringen können. Einige Blätter zischeln ihrem Baum einen letzten Gruß zu, bevor sie von den Reifen meines Rades zermalen werden. Nur gen Norden zeichnen sich Äste gegen die von der Großstadt angestrahlten Wolken ab. Dunkle, zuckende Striche auf smok-brauner Leinwand.

Ein Schrei fährt aus dem Boden. Im Humus hat er sich aufgebläht, den langen Atem gesammelt und bläst in die Nacht hinein, Blätter und Käfer werden zu den Baumkronen empor geschleudert. Continue reading ‘Die erste Nacht des Winters’