Instinkte eines Berufsparanoikers

Benjamin Stein lädt in seinem Turmsegler ein, eine eigene Variante der Bus-Szene aus Raymond Queneaus 101 Stilübungen zu schreiben. Hier also mein Versuch. Da mein Französisch ohnehin nur noch zum Bestellen von Essen taugt und ich mich schon gar nicht mit französischen Dialekten auskenne, wird hier der Dialekt einer anderen europäischen Hauptstadt gesprochen.

„Die Kameras am Gare Saint-Lazare zeichnen einen ganz normalen Tag auf. Berufsverkehr, zehntausende Pendler, Menschen wechseln Züge oder koofen eine Zeitung. Da. Ein Ticket ploppt auf meinem Bildschirm auf. Die Überwachungszentrale der Busgesellschaft beobachtet schon seit einigen Minuten eine Rangelei in einem Bus der Linie S, Richtung Champeret, Kennzeichen 2928 TW 75. Es dauert eine Minute und 22 Sekunden bis ich mich in die Kamera des Buses eingeklinkt habe.

Höchste Alarmstufe seit heute früh um 3:45 Uhr. Ich soll den Gare Saint-Lazare überwachen. In der abgefangenen Nachricht stand wohl was von rundem chinesischen Glück. Bei den Chinesen ist angeblich die 8 eine Glückszahl. Deshalb glooben die, dass der 8. Arrondisement besonders gefährdet sei. Icke halte dit für Blödsinn. Warum sollten sich Islamisten chinesischen Glückszahlen aussuchen? Im Koran stehen genügend Zahlen und Orte, aus denen man sich einen Code basteln könnte. Aber egal, ich bin nicht bei den Kryptologen. Meene Kollegas und icke, wir sind hier, weil unsere Instinkte auf der Straße gestählt wurden. Jeder hier hat mindestens zehn Jahre Streifendienst auf dem Buckel, wir sehen aus dem Augenwinkel, wenn sich einer zu schnell umdreht, versucht sich vor uns oder den Kameras zu verstecken. Deshalb sitzen wir hier, jeder mit drei Bildschirmen vor sich und beobachten Paris. Unsere Instinkte beschützen die Stadt.

So, jetzt sind wir im Bus. Und, wat jibt’s da?

Vom Fahrer aus betrachtet: alles ganz ruhig. Was sagt denn die mittlere Kamera? Da ist der im Ticket beschriebene Typ mit dem Hut. Wieso trägt ein junger Bursche wie er einen Mantel bei dieser Hitze? Verdächtig. Und warum lässt er sich von dem Alten so provozieren? Der scheint gereizt zu sein. Dazu dieser runde Hut mit Kordel und der lange Hals. Der gefällt mir nicht, den scannen wir mal lieber. Verdammt Schweinebacke, nu’ stell’ Dir nicht so an. Den wirst Du doch wohl scannen können. Deshalb trägt der den Hut, damit man seine Visage nicht sieht. Na los, Schweinbacke, du oller Rechenautomat, dann probier’s doch mal mit dem Hut. Mal kieken, ob das klappt.

Und, Komplizen? Ein Alki mit einem Papagei. Oh hauerha, der Vogel hat ja wohl die beste Aussicht in diesem voll-gepackten Bus. Der Kleenen da im Sommerkleidchen direkt uff die Titten. Dieser Geschäftstyp hinter ihr sieht aus, als würde er gleich ihren Hintern ein bisschen kneten. Was macht die Oma da mit Kaffeetasse in der einen und Kuchen in der anderen Hand? Und wer ist der Kerl mit dem großen Paket? Der ignoriert die Querelen zwischen dem Schlapphut und dem Alten komplett. Wer so angestrengt wegkiekt, ist immer verdächtig. Zapp, noch einer gescannt.

* * *

Yippiheiyeah, Schweinbacke, würde Bruce jetzt sagen. Haste den Hut mit Kordel wieder gefunden. Und wo, mein Freund? Am Bahnhof. Das ist kein gutes Zeichen. Lungert da rum, scheint auf jemanden zu warten. Verdammt, der mit dem Paket ist ooch wieder da. Nicht gut, gar nicht gut. Auf wen warten die? Da, der Langhals winkt jemandem zu. Los, Kamera, beweg’ Dich schneller. Mist, verdammter. Ein Schlitzauge. 8 – chinesische Glückszahl. Und der trifft sich mit einem Schlitzauge. Scheiße. Manfred? Manfred! Du Schnecke von Schichtleiter, beweg’ Deinen Hintern hier rüber, aber pronto.

Hier, Manfred, der da, war vorhin schon janz jereizt im Bus, hat sich von so `nem ollen Füßelatscher provozieren lassen. Rennt mit Hut rum, damit man ihn nicht scannen kann und trägt bei der Affenhitze einen Mantel. Wer weeß, was er drunter hat. Verdächtig, echt verdächtig. Trifft sich dann mit `nem Schlitzauge – Du weeßt schon, 8, die chinesische Glückszahl und so. Kiek mal da, dit Schlitzooje fummelt ihm am Mantel rum. Und da drüben ist noch einer mit `nem riesigen Paket, der war im Bus ooch schon dabei. Wat soll’n wa machen, Manfred, los sach schon! Zwei paar Oojen, Alarm oder nicht?“

Als ich den Text gerade beendete, entdeckte ich beim goldenen Fisch noch eine kurze Variation des Themas von Andreas Louis Seyerlein. In gewohnter Manier, wie ich sie auch bei den Particles so schätze: kurz, poetisch, träumerisch / traumwandlerisch. Erschreckend jedoch, dass die 1962 von Queneau beschriebene Szene in einem überfüllten Bus in uns beiden 45 Jahre später völlig unabhängig voneinander das Bild eines Anschlags erzeugt.

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