Eine erste Annäherung an das Thema. Die richtige Form ist noch nicht gefunden.
06:30h. Eine alte Dame greift mit der Rechten ihr linkes Handgelenk. Durch die Spitzengardine fällt gelbes, gewürfeltes Licht. Jeden Morgen probiert sie es erneut: Sie führt die Hand über den Bauch, zieht sie etwas hoch, das Federbett raschelt dazu, und klatsch! fällt sie herunter.
06:32h. Neunzig schnelle, etwas ruppige Striche von der Schulter bis zu den Fingerspitzen – einen für jedes Jahr, das ihr der Arm gehorcht hat. Anschließend reißt sie das Blatt mit dem gestrigen Datum vom Kalender, zerknüllt es und wirft es hinter das Bett. Wollmäuse toben um den Haufen überstandener Tage.
07:13h. Vorher konnte sie sich auf den Pfleger stützen und mit ihm die fünf Schritte zur Toilette tapsen. Jetzt wechselt er eine Windel und versprüht Raumspray der Sorte „Meeresbrise“.
07:45h. Der Himmel ist genauso grau wie die Leberwurst auf dem Brötchen.
08:44h. Mit Augen stumpf vom Star verfolgt sie jede Minute, wie sie einzeln zur Tür hinaus kriecht.
11:21h. Ihre Bluse bekleckert sie mit Kompott, da sie das Schälchen nicht mehr mit der zweiten Hand unter das Kinn halten kann. Das Kassler war heute wieder kalt.
14:37h. Früher hat sie die langen Stunden des Nachmittags mit Strickmaschen umgarnt. Jetzt schaut sie der Pflegerin auf die Finger, wie sie „200ml Tee“ in der Spalte Flüssigkeitsaufnahme notiert.
15:49h. Unbeholfen und mit eckigen Bewegungen steuert sie ihren Rollstuhl mit einer Hand und einem Fuß Richtung Tür. Vom Flur her hört sie das Klappern von Gehgestellen und das Dingdong des Fahrstuhls. Dann kehrt sie wieder um. Heute ist kein Tag für Sitztanz.
16:12h. Sie nickt ein. 44kg Mensch zusammen gesackt in einem Rollstuhl. Dünn und knittrig wie Lametta hängt die Haut von Elle und Speiche.
17:30h. Abendbrot. Sie hat keinen Hunger.
19:25h. Windelwechsel, Nachthemd an, die Pflegerin hievt sie vom Rollstuhl ins Bett. Der linker Arm liegt verdreht neben ihr. Ihr Blick fällt auf den Kalender: Wieder einen Tag überstanden, den sie morgen abreißen kann.
21:22h. Eine alte Dame schlägt unter einer Kuppel von Federn mit dem rechten Arm den linken. Sie weint.

Textilstrand wird vom 
Oh, ich bin beeindruckt und sehr berührt! Das ist schon sehr gut! Was soll das denn noch werden (weil Du schriebst, die rechte Form sei noch nicht gefunden)? Einzig am ‘Lametta’ hätte ich etwas auszusetzen, das wirkt überzeichnet und fast komisch… aber insgesamt kann einem das sehr nahegehen und das ist gut so!
Ganz herzlichen Dank!
Was das Lametta betrifft, so hast Du wohl recht. Zu erst waren es knisternde Falten, dann Stanniol und plötzlich wurde mir weihnachtlich
Zur Form: nun ja. Gerne schriebe ich einen Haiku, doch der kleine Narziss in mir erfreut sich noch zu sehr an einigen der Bilder. Der Abstand fehlt bisher, um so stark reduzieren zu können. Mittlerweile denke ich auch über ein längeres Prosastück nach, vielleicht gar eine Kurzgeschichte. Mal kieken.