Das Minarett der Moschee ist ein hoher, viereckiger Turm, der das Dorf überragt ohne es zu dominieren. Wie alle Gebäude hier ist es gebaut aus Lehm und Holz; aus der roten Erde des Hohen Atlas, die in der Sonne leuchtet, in schattigen Ecken jedoch braun wie Vollmilchschokolade ist. Die Kanten sind mit weißen Steinen verziert und oben hängt ein Lautsprecher aus dem Fenster. Heute Morgen krähte ein Hahn gegen das Rufen des Muezzins an.
Die Männer des Dorfes, mit dem Gebetsteppich unterm Arm, schlendern die Straße entlang, plaudern miteinander, der eine kickt einen Fußball zurück zu ein paar spielenden Kindern. Ein anderer winkt der deutschen Touristin zu, die erst vor zwei Tagen angekommen war. Wie alle Touristen wohnt sie im neuen Teil des Dorfes, wo es Trinkwasser, Strom und Sitztoiletten mit einem Klopapierhalter daneben gibt. Sie grüßt zurück: „Wa aleikum salaam.“ Der Friede sei auch mit Euch.
Plötzlich steht Houssam wieder neben ihr. Er lächelt, macht ihr in seinem fehlerfreien Französisch ein Kompliment: Der Kaftan stünde ihr gut, das sähe besser aus als immerzu diese Jeans. Sie bedankt sich artig und streicht dabei über den lila glänzenden Polyester-Stoff, der an den Säumen mit Goldfäden und Pailletten bestickt ist. Heute früh hatte Houssam sie zur neuen Familie seines Vaters gebracht, bei der auch seine leibliche Schwester lebt. Sie hat wie fast alle Frauen im Dorf nur eine Grundschulausbildung erhalten, spricht Berber, etwas Arabisch und kennt eine Handvoll französischer Worte. „Bonjour, bonjour“, die Schwester begrüßte sie mit einem breiten, offenen Lachen im Gesicht. Sie zog die Deutsche an der Hand hinein ins Schlafzimmer, streifte ihr den Kaftan über und drapierte ein Tuch um ihren Kopf. Der Kaftan roch nach frisch gepudertem Babypo. Als sie das Haus verließen, trafen sie Houssams Halbbruder. „Der passt ihr aber sehr gut“, sagte er, sie von oben bis unten musternd. Houssam lachte: „Naja, unsere Schwester ist klein und rund, Helen groß und dünn, das gleicht sich halt aus.“ Dann winkte er ihr zu, rief „bis später“ und verschwand um eine Hausecke.
Und: ja, ich habe lange überlegt, ob ich dieses alberne Bild veröffentliche. Aber wenn man sich für den persönlichen Bezug (und Humor!) entscheidet, dann sollte man die jüngst postulierten Vorsätze nicht bereits drei Tage später aus Eitelkeit über Board werfen.

Textilstrand wird vom 
Schöne Geschichte, aber das Bild ist noch schöner! .-) Sehr schick! Liebe Grüße!