Sie gehen zum Fluss hinunter, dessen steiniges Bett zwischen dem neuen und alten Teil des Dorfes etwa 100 Meter breit ist. Nur im Januar schwillt er für einige Tage auf seine volle Größe an, jetzt kann man ihn mit drei Schritten über Sandsäcke überqueren. Sie lupft den Saum und hüpft hinüber – so elegant es in einem Kaftan mit Jeans drunter und klobigen Wanderschuhen an den Füßen eben geht. Houssam geht schon voraus, doch sie hält noch einen Augenblick inne. Wirft einen Blick zum Himmel, den Fluss hinauf und hinunter, lächelt und schaut zuletzt geradeaus zum „Kasbah du Chocolat“ wie sie es nennt: Aït Ben Haddou, ein ganzes Dorf aus Lehm: Türme, Häuser, Ställe, Gassen. Aufgehäuft in Schokoladenbraun an der Seite eines Hügels.
Heute ist der Tag des Schlachtfestes. Neben jedem Haus gibt es eine Lache noch warmen Blutes, das die abschüssigen Gassen und Treppen hinunter läuft. Wie ein Netz aus Adern durchziehen diese Rinnsaale das Dorf. Das Blut von drei, vier Schafen sammelt sich in einer violett-roten Pfütze auf dem Hauptweg und rieselt zum südlichen Tor hinab.
Vom Hauptweg aus, der so breit ist, dass zwei Eselskarren aneinander vorbei fahren können, werden die Gassen immer schmaler und verwinkelter. Ohne Houssam würde sie das Haus seiner Mutter nicht finden. Sie biegen links ab, gehen eine Gasse hoch, dann nach rechts und wieder etwas hinunter, um noch zwei Ecken und stehen vor dem niedrigen Holztor, das dieses Mal von einem jungen Mann geöffnet wird, den sie noch nicht in diesem Haus gesehen hat: Kleiner als Houssam, vielleicht ein Meter siebzig, in einem dunkelblauen, etwas staubigen Anzug und mit gepflegten Händen und Haaren.
Houssam und der Mann verfallen sogleich in das Begrüßungsritual, das sie jetzt schon mehrfach miterlebt hat. Sie geben sich die rechte Hand, umarmen sich mit dem linken Arm und plappern los. Es ist wie ein Tanz aus Sätzen – der eine sagt etwas, der andere wiederholt dieselben Worte, zum Teil reden sie gleichzeitig, dann wieder nacheinander, bestimmte Phrasen werden mehrfach gesagt. Die beiden Männer halten sich die ganze Zeit an den Händen, Worte und Sätze verwirbeln zwischen ihnen, steigen auf und bilden eine Kapsel aus luftigen Silben um sie herum, eine Begrüßungskapsel, die die beiden von allen daneben Stehenden, von Zeit und Raum abschirmt, ihnen eine kurze Reise in die Vergangenheit erlaubt, um zu erfahren, wie es dem anderen, dessen Familie und den gemeinsamen Freunden seit dem letzten Treffen ergangen ist. Dann noch ein Klapps auf die Schultern, die Händen lösen sich zögerlich voneinander. Die Kapsel hat sich aufgelöst. Das Ritual schien korrekt ausgeführt, doch war es keine besonders herzliche Begrüßung. Sie standen zu weit voneinander entfernt und nahmen sich nur kurz in die Arme. Houssam stellt ihr den Mann als seinen Bruder vor.

Textilstrand wird vom 
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