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Ideenmüll und neue Pläne: Update Glasblume

Für das Schweigen hier am Strand gab es Gründe. Gute Gründe? Das ist schwer zu beantworten. Sagen wir: berechtigte Gründe. Ich habe ein halbes Dutzend angefangener Kapitel für mein Projekt “Glasblume”, die als Entwürfe im WordPress-Backend langsam digitalen Staub ansetzen; gut 150 Seiten in den papiernen Notizbüchern mit Plot-Skizzen, Beobachtungen, Ideen für weitere Kapitel. Ich habe mit mir und dem, was sich an Texten und Ideen angesammelt hatte, lange gehadert – und fast nichts geschrieben. Mary-Ellen drohte in der von Selbstzweifeln und Hadern sauren Luft zu ersticken. Mein ursprünglicher Plan wäre beinahe zu einem nicht recycelbaren Stück Ideenmülls verschrumpelt.

Aufgeben kam aber nicht in Frage! Dafür kennen Mary-Ellen und ich uns schon viel zu lange, das hätte ich ihr nicht antun können. Auch ist mir das Thema noch immer so wichtig (“Glasblume soll eine Erzählung werden über (…) die Schwierigkeiten, im heutigen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem mit Würde zu leben.”), dass ich daran weiter schreiben will, auch wenn das als Arbeitende mit Familie und Kind schwierig werden wird. Pardon, heutzutage hat ja beruflich keiner mehr Schwierigkeiten, sondern wir meistern alle nur noch Herausforderungen. Arbeit, Kind, Mann, Familie, Freunde, Sport, ordentliches Essen, sieben Stunden Schlaf und literarische Ambitionen in einen 24-Stunden-Tag zu packen, wird genau so eine Herausforderung werden. Aber ich schweife ab. Und lamentiere auch noch, pfui.

Im Politdeutsch würde man sagen, ich habe das bisher Geschriebene und meine Pläne einem Stresstest unterzogen. Letztlich musste ich feststellen, dass der Plot vorhersagbar und auch etwas langweilig war. Auch würde es nicht funktionieren, viele verschiedene Protagonisten gerade diese Geschichte erzählen zu lassen. Einzig das subjektive Erleben der von Erwerbslosigkeit und Hartz4 geplagten Haupfigur(en) ist entscheidend. Deren Stimmen müssen weder begleitet noch kommentiert werden. So habe ich kurzerhand Plot und multiperspektivisches Erzählverfahren in meinen ganz persönlichen Ideen-Mülleimer geworfen.

Ich denke, ich habe eine Lösung gefunden. Mary-Ellen und eine zweite Frau werden ihre Geschichten erzählt. Ich hoffe, dass die Reduktion der Perspektiven Klarheit bringt und auch von einer debütierenden Erzählerin zu bewältigen ist. An der Handlung bastle ich noch, mir fehlt noch eine gute Eingebung für die Verbindung beider Erzählstränge. Solange sich diese nicht einstellt, werden Charakterstudien und Kulissen an den Textilstrand gespült werden. Auch muss ich mich dringend um die Recherche kümmern, vielleicht gibt es dazu noch das eine oder andere hier zu berichten.

So wie sich meine Elternzeit dem Ende nähert und ich bald wieder mit dem Brötchenjob anfangen werde, wird mir klarer, dass ich auch meine Arbeitsweise verändern muss. Die Variante “Ich schreib dann mal drauf los und guck mal, was bei raus kommt” wird mit einem arg limitierten Zeitbudget nicht durchzuhalten sein, wenn ich Glasblume noch in diesem Leben beenden möchte. Deshalb schreibe ich konkret gerade sehr wenig, sondern grüble über Handlung und Charakteren, versuche einen Plot zu stricken und die beiden Damen schon in meinem Geiste sprechen zu lassen. Daraus soll eine Erzählstruktur entstehen, die ich dann hoffentlich auch nachts, auf dem Weg zur Arbeit oder beim Wäsche-Aufhängen mit Worten befüllen kann.

So viel also zu den Plänen.

Nun denn: Ich grüble jetzt mal ein bisschen weiter und setze die Recherchen fort…

 

Streunen // Roam

für B.

Den Soundtrack unserer Jugend
auf Häuserdächern singen
Arme über Basilikum schwingen
(tanzen)

Aus Falten umringten Augen
gemeinsam in den Himmel schauen
die Love Shack auf dem Balkon bauen
(küssen)

Ins Blaue der Nacht hinaus
mit Dir auf einem Wal segeln wollen
nie wieder müssen nie wieder sollen
(streunen)

“Roam if you want to, roam around the world,
roam if you want to, without wings, without wheels!”

In meinem inneren Bootshäuschen

Seit acht oder neun Jahren trage ich eine Figur mit mir herum. Eigentlich müsste ich sagen: in mir herum. Wo auch immer sich die Figuren in ihrer Autorin verstecken, die später zu einem Charakter in einer Erzählung werden, dieser geheime Ort, der vermutlich irgendwo zwischen Herz und Hirn liegt und den ich mir als ein morsches Bootshäuschen in einer winzigen, verlassenen Marina fernab aller Textil- und Nacktbadestrände vorstelle, in diesem dunklen Bootshäuschen in mir versteckt sich seit vielen Jahren eine dicke Irin.

Erst hieß sie Mary-Anne, nun Mary-Ellen. Zwischenzeitlich ist sie zu einer Halbirin geworden, mit einem irischen, kommunistischen Vater und einer deutschen, katholischen Mutter. Dick, man müsste wohl eigentlich sagen fett und nicht mehr ganz jung, ist sie über all die Jahre geblieben. Mary-Anne wohnte in meiner Fantasie (und im Blog) in Dublin und sang in einer ganz frühen Fassung, die es nur auf echtem, zerreißbaren Papier gibt, in verrauchten Jazzkellern im alten Osteuropa hinter dem eisernen Vorhang. Seit einigen Wochen nun hämmert Mary-Ellen jeden Tag vehement gegen die moosigen Wände des Bootshauses und will raus. Sie lässt keinen Zweifel daran, dass es ihr in dem ollen feuchten Häuschen mächtig stinkt. Sie möchte sich endlich selbst erkennen können, mit anderen Worten bei Tageslicht auf elektronischem Blog-Papier Gestalt annehmen.

In dem Bootshäuschen befinden sich weiterhin eine männliche Hauptfigur (Rudi), Skizzen für einen fantastischen, geheimen Ort und ein Stadtplan von Berlin. Irgendjemand hat Zettel an die Innenseite der Tür geklebt, auf die kurze Notizen zu Stil, Erzählperspektive und einigen Themen gekritzelt wurden.

Was daraus werden wird? Ich habe keine Ahnung. Wenn ich mir meine Notizbücher der letzten zehn Jahre und die Blogeinträge am Textilstrand seit anno August 2007 anschaue – wahrscheinlich gar nichts. Doch es rumort in mir (wie gesagt, dieses ständige Pochen und Hämmern von Mary-Ellen) und ich hoffe, dass ich dieses eine Mal die Disziplin aufbringen werde, meine Ideen für Was-auch-immer-das-hier-werden-Wird nicht wieder im Sumpf meiner Schreibfaulheit versinken zu lassen.

Schaun wir mal, was dabei raus kommt. Icke jedenfalls bin schon janz uffjeregt…

Neujahrshaiku

Glühwein flutet seine
Träume. Barfuß flüstert sie
Wünsche in den Schnee.

*  *  *

Neujahrsmorgenschnee
Stumm sanft rein liegst Du vor mir
Neues Jahr weißes Blatt.

Kasbah du Chocolat (2)

Sie gehen zum Fluss hinunter, dessen steiniges Bett zwischen dem neuen und alten Teil des Dorfes etwa 100 Meter breit ist. Nur im Januar schwillt er für einige Tage auf seine volle Größe an, jetzt kann man ihn mit drei Schritten über Sandsäcke überqueren. Sie lupft den Saum und hüpft hinüber – so elegant es in einem Kaftan mit Jeans drunter und klobigen Wanderschuhen an den Füßen eben geht. Houssam geht schon voraus, doch sie hält noch einen Augenblick inne. Wirft einen Blick zum Himmel, den Fluss hinauf und hinunter, lächelt und schaut zuletzt geradeaus zum „Kasbah du Chocolat“ wie sie es nennt: Aït Ben Haddou, ein ganzes Dorf aus Lehm: Türme, Häuser, Ställe, Gassen. Aufgehäuft in Schokoladenbraun an der Seite eines Hügels.

Heute ist der Tag des Schlachtfestes. Neben jedem Haus gibt es eine Lache noch warmen Blutes, das die abschüssigen Gassen und Treppen hinunter läuft. Wie ein Netz aus Adern durchziehen diese Rinnsaale das Dorf. Das Blut von drei, vier Schafen sammelt sich in einer violett-roten Pfütze auf dem Hauptweg und rieselt zum südlichen Tor hinab. Continue reading ‘Kasbah du Chocolat (2)’

Kasbah du Chocolat (1)

kaftan Kasbah du Chocolat (1) | Das Minarett der Moschee ist ein hoher, viereckiger Turm, der das Dorf überragt ohne es zu dominieren. Wie alle Gebäude hier ist es gebaut aus Lehm und Holz; aus der roten Erde des Hohen Atlas, die in der Sonne leuchtet, in schattigen Ecken jedoch braun wie Vollmilchschokolade ist. Die Kanten sind mit weißen Steinen verziert und oben hängt ein Lautsprecher aus dem Fenster. Heute Morgen krähte ein Hahn gegen das Rufen des Muezzins an.

Die Männer des Dorfes, mit dem Gebetsteppich unterm Arm, schlendern die Straße entlang, plaudern miteinander, der eine kickt einen Fußball zurück zu ein paar spielenden Kindern. Ein anderer winkt der deutschen Touristin zu, die erst vor zwei Tagen angekommen war. Wie alle Touristen wohnt sie im neuen Teil des Dorfes, wo es Trinkwasser, Strom und Sitztoiletten mit einem Klopapierhalter daneben gibt. Sie grüßt zurück: „Wa aleikum salaam.“ Der Friede sei auch mit Euch. Continue reading ‘Kasbah du Chocolat (1)’

Dreier-Pasch

Nach dem Posten des ersten Teils meines kleinen Kurzgeschichten-Projekts für den Textilstrand war ich sogleich ins Stocken geraten. Jedes Mal, wenn ich mich an den Rechner setzte, dasselbe Spiel: tippen – markieren – löschen. Nicht ein einziger Satz, der etwas getaugt hätte. Irgendwo hing es und ich wußte nicht wo.

Gestern dann kam mir ein erlösende Gedanke, nachdem ich mir “The Darjeeling Limited ” angeschaut hatte: Ich hatte den Humor vergessen! Nicht, dass ich mir anmaßen würde, so wunderbar schräge Charaktere und Szenen schreiben zu können wie Wes Anderson und seine Kompagnons. Für dieses Blog-Projekt hatte ich mir den Islam und die zaudernde Position des Westens dazu vorgenommen. Ich glaubte, dass müsse doch Ernst sein. So’n Quatsch! In Marokko habe ich einige so komische und zugleich tief menschliche Momente erlebt, es wäre einfach dumm von mir, diese nicht in der Geschichte wieder zu geben.

Womit wir auch schon bei der zweiten Erkenntnis des gestrigen Abends sind: Continue reading ‘Dreier-Pasch’