[Mary-Ellen O'., Platz der Vereinten Nationen, Berlin-Friedrichshain]
Meine Wohnung gehörte einmal anderen Menschen. Doch ihre Besitzer haben nie den Mietvertrag gekündigt. Oder was auch immer man in der DDR getan hat, wenn man aus einer Wohnung ausziehen wollte. An einem Morgen im frühen Herbst 1989 haben sie ein letztes Mal den kleinen Resopaltisch in der Küche für zwei Personen gedeckt: Teller, Kaffeetassen, eine Kaffeekanne und Zuckerdose – alles aus weißem Colditzer Porzellan mit einem sehr hübschen 70′er Jahre Blumenmuster in Kobalt- und Himmelblau (auf der Unterseite ist das cp-Logo und “made in GDR” zu lesen) – dazu Edelstahlbesteck, ein Glas RoKoMa-Marmelade schwarze Johannisbeere, eine Butterdose aus orangem Plastik. Das war’s. Kein üppiges Festmahl, wohl eher ein schnelles, wenn auch kein gehetztes Frühstück. Immerhin nahmen sich die Bewohner die Zeit, Geschirr und Besteck in die Spüle zu stellen, den Stecker des Kühlschranks und sämtlicher Elektrogeräte in der Wohnung zu ziehen, die Bettdecken zum Lüften zurück zu schlagen und dann erst zu gehen.
Jedenfalls stelle ich mir vor, dass sie gingen. Wer noch die Krümel vom Frühstückstisch wischt, der wird nicht aus der Wohnung schleichen oder flüchten oder gar laufen. Nein, so jemand verlässt sie korrekt gekleidet, als machte man sich auf den Weg zur Frühschicht. Keine Koffer, nur eine große Einkaufstasche unter dem Arm, darin wie jeden Morgen zuvor Thermoskanne, Brotdose und einen Apfel, um bei den Nachbarn keinen Verdacht zu erregen.
Ich habe mir ihre letzten Minuten in dieser, meiner Wohnung dutzende Male vorgestellt. Sie stehen im Flur, ziehen sich Mäntel an. Sie bindet einen fliederfarbenen Chiffonschal um. Sie sprechen kein Wort, atmen etwas schwer, er hustet. Er greift noch mal an die Stellen seines Mantels, wo geheime Taschen eingenäht sind. Ein Hauch Funierpflege liegt in der Luft, sie hat am Abend zuvor stundenlang die Wohnung geschrubbt, wollte sie ordentlich hinterlassen. Dann drückt sie seine Hand und sie gehen. Ziehen die Tür leise zu. Schließen nicht ab. In der Hoffnung, diese Wohnung, dieses Land nie wieder zu betreten.
Sasse. So stand es noch am Klingelschild, als ich zum ersten Mal vor dieser Wohnungstür stand. Herr und Frau Sasse, “anständige Leute” wie mir Frau Gutschmidt Jahre später erzählte. Sie sagte, er sei Techniker in irgendeinem VEB gewesen, sie Verkäuferin im Centrum Warenhaus am Alexanderplatz. Sie seien gerne und viel verreist, “hatten ja keine Kinder” wie Frau Gutschmidt hinzufügte, hätten den ganzen Ostblock gesehen. Ihre Reiselust habe sie bis nach Moskau und Leningrad gebracht.
In der Wohnung fand ich die Insignien reisefreudiger Menschen: Landkarten, Reiseführer, Wörterbücher, Souvenirs, einen Kompass, ein Reisenähset und einen kleinen Fön mit klappbarem Griff und Bügeleisenaufsatz. Ich habe mir ausgemalt, wie Herr Sasse knieend auf einer Schlafwagenpritsche damit perfekte Bundfalten in eine Hose gebügelfönt hat. Frau Sasse hatte eine umfangreiche Sammlung von Pailletten- und Spitzenoberteilen, in denen sie nicht nur in den Opernhäusern des Ostens eine elegante Erscheinung gewesen wäre. In einem Anflug von kindlicher Verkleidungslust versuchte ich ein einziges Mal, mir eines ihrer Kleidungsstücke anzuziehen. Es war ein schwarz glitzerndes Oberteil mit Pailleten und Fledermausärmeln. Auf halbem Weg zwischen Handgelenk und Ellenbogen blieb ich im Ärmel stecken. Beim Versuch, meinen Arm zu befreien, ging eine Naht kaputt, die ich von Hand wieder reparierte, bevor ich das Oberteil in den Karton zu den anderen Sachen legte.
Im Wohnzimmer wurden in einer abschließbaren Vitrine die Andenken von unten beleuchtet: Sammelteller aus jeder Hauptstadt der Warschauer-Pakt-Staaten und bunte böhmische Kristallschalen. Dazwischen stand eine Matroschka, die mit ihren roten Backen und den feisten Rundungen merkwürdig deplatziert in diesem funkelnden Erinnerungsschatzkästchen wirkte. In einer Schublade direkt unter der Vitrine lagen die Landkarten in alphabetisch sortierten Haufen. Sasses hatten darin ihre Reiserouten mit Bleistift eingezeichnet, neben jedem Ort stand das Datum der An- und Abreise.
Obwohl sich ihr gesamter Hausstand noch in meinem Keller befindet, ich jeden Gegenstand, den sie in der DDR bessessen hatten, in meinen Händen hielt und in Kartons verpackte, ich den Stoff ihrer Unterwäsche zwischen meinen Fingern spürte und den Duft seines Rasierwassers und ihres Eau de Toilettes roch, als ich die Flaschen leerte und dann wegwarf: Sasses sind eine abstrakte Vorstellung für mich geblieben. Sie müssen ihre Flucht reiflich geplant haben. Ich habe keinen Brief, kein Foto, kein Tagebuch von ihnen gefunden. Kein einziges Wort, kein einziges Bild von diesen zwei Menschen, die laut Frau Gutschmidt seit den späten Siebzigern in meiner Wohnung wohnten. Nur ein paar Einkaufslisten in einer Frauenhandschrift.


Textilstrand wird vom 
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