Author Archive for Strandparanoiker

Epileptischa Anfall

Ein Mann liegt auf den Tramgleisen. Der Körper eines etwa Fünfzigjährigen gekrümmt wie eine Sichel auf novemberkaltem Stahl. Sein ungewaschenes Haar hängt in der Rinne zwischen Asphalt und Gleis, die Schuhspitze des rechten Fußes berührt die andere Schiene. Passanten stehen drum herum, aufgeregt. Eine Tram rollt heran, langsam schon, der Mann liegt direkt vor einer Haltestelle. Ein junger Mann und zwei Frauen zerren an dem steifen Körper mit den offenen Augen. Der Tramfahrer hat den Finger auf dem Klingelknopf, überlegt es sich noch einmal anders und schaut gelangweilt auf das Zerren und Hiefen als warte er darauf, dass eine Ampel von rot auf grün schaltet.

Etwas abseits, gut drei Meter entfernt, steht eine ältere Frau, fettige Haare, eine Zigarettenkippe in der rechten, einen Rentner-Einkaufs-Hackenroller in der anderen Hand. Als sie die Einkaufskarre über die Schienen zuppelt, klappern Bierflaschen darin. Sie guckt ihre Zigarette an und wiederholt den immer gleichen Satz: “Dit ist een epileptischa Anfall.” Sie sagt das mit leiser, fast unbeteiligter Stimme, so als erzählte sie es ihrer Kippe, guckt mal zur Tramhaltestelle, mal auf die kleine Menschentraube, die um den gestürzten Mann wabert, schaut zu den Schaufenstern auf der anderen Straßenseite. “Dit ist een epileptischa Anfall.”

Mittlerweile befinden sich der Mann und die ihn umkreisende Menschengruppe neben den Gleisen, auf vier Quadratmetern Asphalt eingeklemmt zwischen Schienen und einer Hauptverkehrsstraße. Eine Frau nimmt aus einem Kinderwagen eine Babydecke und legt sie dem Mann unter den Kopf, eine andere Passantin hält den Kinderwagen fest, damit er nicht vor die Autos rollt.

“Dit ist een epileptischa Anfall.” hört man es leise zwischen den Stimmen, die aufgeregt über dem Mann flattern. “Ich rufe jetzt einen Krankenwagen.” “Ja, machen Sie das.” “Dit ist een epileptischa Anfall.” Zwei junge Männer machen sich an dem steifen alten Körper zu schaffen, versuchen den Mann auf die Seite zu drehen. Continue reading ‘Epileptischa Anfall’

Instinkte eines Berufsparanoikers

Benjamin Stein lädt in seinem Turmsegler ein, eine eigene Variante der Bus-Szene aus Raymond Queneaus 101 Stilübungen zu schreiben. Hier also mein Versuch. Da mein Französisch ohnehin nur noch zum Bestellen von Essen taugt und ich mich schon gar nicht mit französischen Dialekten auskenne, wird hier der Dialekt einer anderen europäischen Hauptstadt gesprochen.

„Die Kameras am Gare Saint-Lazare zeichnen einen ganz normalen Tag auf. Berufsverkehr, zehntausende Pendler, Menschen wechseln Züge oder koofen eine Zeitung. Da. Ein Ticket ploppt auf meinem Bildschirm auf. Die Überwachungszentrale der Busgesellschaft beobachtet schon seit einigen Minuten eine Rangelei in einem Bus der Linie S, Richtung Champeret, Kennzeichen 2928 TW 75. Es dauert eine Minute und 22 Sekunden bis ich mich in die Kamera des Buses eingeklinkt habe. Continue reading ‘Instinkte eines Berufsparanoikers’