Archive for the 'Kurz & sandig' Category

Sonne, noch kühl.

Die winterblasse Seele schlummert
im ersten Sonnenschein. Melancholie schmilzt
aus meinen Träumen, tröpfelt,
versickert in karger Erde.

Ein schönes, exakt mein Gefühl an diesen beiden sonnigen Tagen treffendes Gedicht von Andreas Noga gibt’s heute übrigens bei Lyrikmail.

Vorm Waschsalon

Bleiches, kaltes Licht fegt die Tram vor sich her; immer gerade aus, noch mal nach rechts, schon wäre ich zu Hause, bei Mann und Kind. Legte mich zu ihnen, irrlichterte kurz durch ihre Träume. Wenn dort vor dem Waschsalon nicht ein dicker Alter säße. In der einen Hand ein Sterni, in der anderen zittrige Minuten. Meine Tram klingelt, die letzte.

Sein Bauch übers Fass gebügelt, zwei weiße Zapfen als Bart, schwach schäumende Hoffnungslosigkeit rinnt die Strohhalmbeine hinab. Mit einem Ruck steht er auf, wankt zur letzten arbeitenden Waschmaschine, in der ein einzelnes Stofftaschentuch – warm und sauber – durch die Trommel taumelt.

Das Taxameter zeigt den Gegenwert von zwei Kästen Sterni an. Mit schlechtem Gewissen kuschele ich mich ins Bett. Vor der Waschtrommel des Vergessens zittert wohl noch immer des Alten bleiche Hand.

Wassertemperatur

Ein heißes Bad wärmt
vom Streit schlotternde Seelen
verloren in zwei
Körpern vereinsamt im Bad.

Einsame Seelen
verlieren sich in Körpern
im Streit fiebrig um-
schlungen im kühlenden Bad.

Eine alte Dame

Eine erste Annäherung an das Thema. Die richtige Form ist noch nicht gefunden.

06:30h. Eine alte Dame greift mit der Rechten ihr linkes Handgelenk. Durch die Spitzengardine fällt gelbes, gewürfeltes Licht. Jeden Morgen probiert sie es erneut: Sie führt die Hand über den Bauch, zieht sie etwas hoch, das Federbett raschelt dazu, und klatsch! fällt sie herunter.

06:32h. Neunzig schnelle, etwas ruppige Striche von der Schulter bis zu den Fingerspitzen – einen für jedes Jahr, das ihr der Arm gehorcht hat. Anschließend reißt sie das Blatt mit dem gestrigen Datum vom Kalender, zerknüllt es und wirft es hinter das Bett. Wollmäuse toben um den Haufen überstandener Tage.

07:13h. Vorher konnte sie sich auf den Pfleger stützen und mit ihm die fünf Schritte zur Toilette tapsen. Jetzt wechselt er eine Windel und versprüht Raumspray der Sorte „Meeresbrise“.

07:45h. Der Himmel ist genauso grau wie die Leberwurst auf dem Brötchen.

08:44h. Mit Augen stumpf vom Star verfolgt sie jede Minute, wie sie einzeln zur Tür hinaus kriecht.

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Mit kalten Lippen

Die Heavy-Metal-Musik trifft sie unerwartet, als sie die Tür öffnet. Tagsüber hatten sie noch miteinander telefoniert, nichts Beunruhigendes war in seiner Stimme zu hören gewesen. Jetzt kreischen Gitarrenriffs durch das Haus. Auf dem Treppenabsatz hockend, mit beiden Händen über den Ohren, fällt es ihr wieder ein: der Besuch im Krankenhaus. Nach der Arbeit hatte er hinfahren wollen.

Sie findet ihn auf dem Bett, noch in Schuhen und Jacke. Als sie die Musik ausschaltet, bleiben seine Augen geschlossen. Durch die Jalousie fällt das Licht der Straßenlaterne in gelben Streifen auf die Wände. Sie streicht ihm über die Wange, knöpft vorsichtig sein Hemd, dann die Hose auf. Von den Füßen her breitet sich eine Gänsehaut über ihn aus. Sie deckt ihn erst mit ihrer Decke zu, bevor sie sich selbst auszieht und zu ihm schlüpft.

Sie nimmt ihn fest in den Arm. Tränen tropfen von seinen Wangen auf ihre Brust. „Ihre Tochter fütterte sie gerade, als ich rein kam. Als wir zusammen waren, war die Kleine anderthalb. Da hab’ ich sie noch gefüttert.“ Mit dem Mond steigt ein mattes Schweigen zwischen ihnen auf. Nur unterbrochen vom leisen Schmatzen eines Kusses, der statt auf seiner Stirn auf seiner Augenbraue landet. Ihr fröstelt entlang der Spur seiner Tränen.

Vom Geschäftspartner betrogen.

Mit Kopfschmerzen war er aufgewacht. Seit einer Woche versucht er unter der Dusche, die Wut von der Haut zu schrubben. Doch sie bleibt kleben. Die ersten Gedanken an diesem Morgen haben den stechenden Geruch von Mückenschutzmittel. Er sitzt in Schlüpfer und Latschen auf dem Balkon, hält die Kaffeetasse fest und die Augen geschlossen. Mit der Hand verscheucht er eine Wespe, die um sein Brötchen schwirrt.

Balkonsehnsucht

Berlin im Februar 2007

Im Schatten des Winters geduckt: der Balkon. Der Bambus erschöpft und zerzaust wie wir nach der letzten Grippe. Seit Oktober friert jeder allein. Träume vom Sommerhimmelblau, das sich in Deinen Augen spiegelte.