Ein urbanes Meer

IMG 3372 Ein urbanes Meer | streetart madrid

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IMG 3468 Ein urbanes Meer | streetart madrid

Streetart von großer poetischer Kraft. Gestaltet von Luzinterruptus, wo es weitere Fotos gibt. An den Strand gespült von Rebelart.

In den Worten der beiden Künstler von Luzinterruptus:

We believe that the containers of rubble in the streets of Madrid are like stranded ships, waiting between the cars, for the rising tide that never comes, to take them back to the sea.

Some of these containers, especially those which are in luxury neighborhoods, are covered by shiny tarpaulins of green and blue, which cover the unsightly rubbish inside them and when we see them we imagine that a piece of the deep, bright sea has crept into our dry, urban habitat.

The night of February the 7th, we decided to stage this fantasy, adding paper boats with lights to our imaginary, miniature seas.

The action was called One sees the sea between the cars and to carry it out we used 3 covered containers which we found in the neighborhood of Salamanca in Madrid, placing upon its “waters”, a tiny, harmless fleet, of illuminated paper boats.

According to what we have been told, our improvised seas, were the first thing seen by many children going to school that morning, and also gave rise to many animated conversations in the shops and bars in the area.

Pictures by Gustavo Sanabria.

Assembly time in the street: 2 hours.
Damage done: 0.
Duration of the intervention: 24 hours?

In meinem inneren Bootshäuschen

Seit acht oder neun Jahren trage ich eine Figur mit mir herum. Eigentlich müsste ich sagen: in mir herum. Wo auch immer sich die Figuren in ihrer Autorin verstecken, die später zu einem Charakter in einer Erzählung werden, dieser geheime Ort, der vermutlich irgendwo zwischen Herz und Hirn liegt und den ich mir als ein morsches Bootshäuschen in einer winzigen, verlassenen Marina fernab aller Textil- und Nacktbadestrände vorstelle, in diesem dunklen Bootshäuschen in mir versteckt sich seit vielen Jahren eine dicke Irin.

Erst hieß sie Mary-Anne, nun Mary-Ellen. Zwischenzeitlich ist sie zu einer Halbirin geworden, mit einem irischen, kommunistischen Vater und einer deutschen, katholischen Mutter. Dick, man müsste wohl eigentlich sagen fett und nicht mehr ganz jung, ist sie über all die Jahre geblieben. Mary-Anne wohnte in meiner Fantasie (und im Blog) in Dublin und sang in einer ganz frühen Fassung, die es nur auf echtem, zerreißbaren Papier gibt, in verrauchten Jazzkellern im alten Osteuropa hinter dem eisernen Vorhang. Seit einigen Wochen nun hämmert Mary-Ellen jeden Tag vehement gegen die moosigen Wände des Bootshauses und will raus. Sie lässt keinen Zweifel daran, dass es ihr in dem ollen feuchten Häuschen mächtig stinkt. Sie möchte sich endlich selbst erkennen können, mit anderen Worten bei Tageslicht auf elektronischem Blog-Papier Gestalt annehmen.

In dem Bootshäuschen befinden sich weiterhin eine männliche Hauptfigur (Rudi), Skizzen für einen fantastischen, geheimen Ort und ein Stadtplan von Berlin. Irgendjemand hat Zettel an die Innenseite der Tür geklebt, auf die kurze Notizen zu Stil, Erzählperspektive und einigen Themen gekritzelt wurden.

Was daraus werden wird? Ich habe keine Ahnung. Wenn ich mir meine Notizbücher der letzten zehn Jahre und die Blogeinträge am Textilstrand seit anno August 2007 anschaue – wahrscheinlich gar nichts. Doch es rumort in mir (wie gesagt, dieses ständige Pochen und Hämmern von Mary-Ellen) und ich hoffe, dass ich dieses eine Mal die Disziplin aufbringen werde, meine Ideen für Was-auch-immer-das-hier-werden-Wird nicht wieder im Sumpf meiner Schreibfaulheit versinken zu lassen.

Schaun wir mal, was dabei raus kommt. Icke jedenfalls bin schon janz uffjeregt…

Schmierereien

“Schauen Sie sich dit an, Fräulein O., Dienstag waren gerade die Putzleute hier, und nu’ is schon wieder allet voll gekrakelt. Wat sind dit nur für Rüpel?”

“Guten Tag, Frau Gutschmidt, wie geht es Ihnen heute?” Nicht wahr, alte Dame, so viel Zeit muss sein, dass wir noch die Tageszeit entbieten. ”Aber Sie haben schon recht, die Fliesen bleiben höchstens mal für drei Tage sauber, bevor da wieder einer drüber geschmiert hat. Früher bin ich morgens nach dem Frühstück immer zum Briefkasten runter, auch wenn ich erst später aus dem Haus musste. Heute mache ich das nicht mehr. Zwölf Stockwerke runter fahren in diesem voll geschmierten Fahrstuhl – nur noch, wenn’s unbedingt sein muss. Wenn man da einsteigt, fühlt man sich so wohl wie in einer S-Bahn voll betrunkener, grölender Fußballfans mit Mundgeruch. So, und nun geben Sie mal Ihre schwere Tasche her, die bringe ich Ihnen noch bis zur Tür.”

“Sie sind immer so gut zu mir. Danke, wirklich sehr nett. Aber wenn ick mal eenen von den Schmierfinken erwische, der …”

“Nee, nee, Frau Gutschmidt. Das werden Sie mal schön sein lassen. Wer weiß, vielleicht sind die ja mit mehr bewaffnet als nur mit schwarzen Filzern.”

“Naja, wahrscheinlich haben Sie recht. Aber ick sach Ihnen dit. So wat hat’s nicht unter Erich jejeben und unter Adolf och nich.”

“Und was hätte erst der olle Wladimir Iljitsch dazu gesagt, dessen Granitkopp sie in den Müggelbergen vergraben haben?”

“Mensch, dit jemand aus’m Westen so wie Sie dem Lenin seine Vornamen kennt. Is schon besser, dit der nich mehr mit ankieken muss, wat hier an seinem schönen Leninplatz so passiert. Und noch mal Danke für’s Tasche hochbringen. Haben Se noch nen schönen Tach.”

Epileptischa Anfall

Ein Mann liegt auf den Tramgleisen. Der Körper eines etwa Fünfzigjährigen gekrümmt wie eine Sichel auf novemberkaltem Stahl. Sein ungewaschenes Haar hängt in der Rinne zwischen Asphalt und Gleis, die Schuhspitze des rechten Fußes berührt die andere Schiene. Passanten stehen drum herum, aufgeregt. Eine Tram rollt heran, langsam schon, der Mann liegt direkt vor einer Haltestelle. Ein junger Mann und zwei Frauen zerren an dem steifen Körper mit den offenen Augen. Der Tramfahrer hat den Finger auf dem Klingelknopf, überlegt es sich noch einmal anders und schaut gelangweilt auf das Zerren und Hiefen als warte er darauf, dass eine Ampel von rot auf grün schaltet.

Etwas abseits, gut drei Meter entfernt, steht eine ältere Frau, fettige Haare, eine Zigarettenkippe in der rechten, einen Rentner-Einkaufs-Hackenroller in der anderen Hand. Als sie die Einkaufskarre über die Schienen zuppelt, klappern Bierflaschen darin. Sie guckt ihre Zigarette an und wiederholt den immer gleichen Satz: “Dit ist een epileptischa Anfall.” Sie sagt das mit leiser, fast unbeteiligter Stimme, so als erzählte sie es ihrer Kippe, guckt mal zur Tramhaltestelle, mal auf die kleine Menschentraube, die um den gestürzten Mann wabert, schaut zu den Schaufenstern auf der anderen Straßenseite. “Dit ist een epileptischa Anfall.”

Mittlerweile befinden sich der Mann und die ihn umkreisende Menschengruppe neben den Gleisen, auf vier Quadratmetern Asphalt eingeklemmt zwischen Schienen und einer Hauptverkehrsstraße. Eine Frau nimmt aus einem Kinderwagen eine Babydecke und legt sie dem Mann unter den Kopf, eine andere Passantin hält den Kinderwagen fest, damit er nicht vor die Autos rollt.

“Dit ist een epileptischa Anfall.” hört man es leise zwischen den Stimmen, die aufgeregt über dem Mann flattern. “Ich rufe jetzt einen Krankenwagen.” “Ja, machen Sie das.” “Dit ist een epileptischa Anfall.” Zwei junge Männer machen sich an dem steifen alten Körper zu schaffen, versuchen den Mann auf die Seite zu drehen. Continue reading ‘Epileptischa Anfall’

Vorm Waschsalon

Bleiches, kaltes Licht fegt die Tram vor sich her; immer gerade aus, noch mal nach rechts, schon wäre ich zu Hause, bei Mann und Kind. Legte mich zu ihnen, irrlichterte kurz durch ihre Träume. Wenn dort vor dem Waschsalon nicht ein dicker Alter säße. In der einen Hand ein Sterni, in der anderen zittrige Minuten. Meine Tram klingelt, die letzte.

Sein Bauch übers Fass gebügelt, zwei weiße Zapfen als Bart, schwach schäumende Hoffnungslosigkeit rinnt die Strohhalmbeine hinab. Mit einem Ruck steht er auf, wankt zur letzten arbeitenden Waschmaschine, in der ein einzelnes Stofftaschentuch – warm und sauber – durch die Trommel taumelt.

Das Taxameter zeigt den Gegenwert von zwei Kästen Sterni an. Mit schlechtem Gewissen kuschele ich mich ins Bett. Vor der Waschtrommel des Vergessens zittert wohl noch immer des Alten bleiche Hand.

Neujahrshaiku

Glühwein flutet seine
Träume. Barfuß flüstert sie
Wünsche in den Schnee.

*  *  *

Neujahrsmorgenschnee
Stumm sanft rein liegst Du vor mir
Neues Jahr weißes Blatt.

Wiesenblüten

wiese Wiesenblüten | natur haiku

VARIANTE 1

Über Blüten summt
eine Wolke aus Flügeln.
Silber glänzende Luft.

VARIANTE 2

Summende Wolke
aus Insektenflügeln.
Silber glänzende Luft.

Frisau (Thüringen), Mai 2009.

Filmfrosch

Mit aufgeblähten
Backen sitzt der Produzent
neben mir. Quak. Quaak.

Filmfestival Cannes, Mai 2009.

Sendepause

Die Kurverwaltung gibt bekannt, dass der Textilstrand bis Ostern geschlossen bleiben wird. Der Bademeister, die Frei- und Rettungsschwimmerinnen und diverse andere Mitglieder des Verwaltungsbeirats jammern über akute Arbeitsüberlastung in einer Welt, die fernab des Textilstrands liegt. Das Gedankenrauschen ist zeitweilig verstummt. Die Kurverwaltung entschuldigt sich vielmals für die kollektive Einfallslosigkeit und bittet bei allen Strandbesuchern um Nachsicht. Wenn die Osterhasen über die Dünen gehoppelt sind, wird es hier weiter gehen…

Kasbah du Chocolat (2)

Sie gehen zum Fluss hinunter, dessen steiniges Bett zwischen dem neuen und alten Teil des Dorfes etwa 100 Meter breit ist. Nur im Januar schwillt er für einige Tage auf seine volle Größe an, jetzt kann man ihn mit drei Schritten über Sandsäcke überqueren. Sie lupft den Saum und hüpft hinüber – so elegant es in einem Kaftan mit Jeans drunter und klobigen Wanderschuhen an den Füßen eben geht. Houssam geht schon voraus, doch sie hält noch einen Augenblick inne. Wirft einen Blick zum Himmel, den Fluss hinauf und hinunter, lächelt und schaut zuletzt geradeaus zum „Kasbah du Chocolat“ wie sie es nennt: Aït Ben Haddou, ein ganzes Dorf aus Lehm: Türme, Häuser, Ställe, Gassen. Aufgehäuft in Schokoladenbraun an der Seite eines Hügels.

Heute ist der Tag des Schlachtfestes. Neben jedem Haus gibt es eine Lache noch warmen Blutes, das die abschüssigen Gassen und Treppen hinunter läuft. Wie ein Netz aus Adern durchziehen diese Rinnsaale das Dorf. Das Blut von drei, vier Schafen sammelt sich in einer violett-roten Pfütze auf dem Hauptweg und rieselt zum südlichen Tor hinab. Continue reading ‘Kasbah du Chocolat (2)’