Kasbah du Chocolat (1)

kaftan Kasbah du Chocolat (1) | Das Minarett der Moschee ist ein hoher, viereckiger Turm, der das Dorf überragt ohne es zu dominieren. Wie alle Gebäude hier ist es gebaut aus Lehm und Holz; aus der roten Erde des Hohen Atlas, die in der Sonne leuchtet, in schattigen Ecken jedoch braun wie Vollmilchschokolade ist. Die Kanten sind mit weißen Steinen verziert und oben hängt ein Lautsprecher aus dem Fenster. Heute Morgen krähte ein Hahn gegen das Rufen des Muezzins an.

Die Männer des Dorfes, mit dem Gebetsteppich unterm Arm, schlendern die Straße entlang, plaudern miteinander, der eine kickt einen Fußball zurück zu ein paar spielenden Kindern. Ein anderer winkt der deutschen Touristin zu, die erst vor zwei Tagen angekommen war. Wie alle Touristen wohnt sie im neuen Teil des Dorfes, wo es Trinkwasser, Strom und Sitztoiletten mit einem Klopapierhalter daneben gibt. Sie grüßt zurück: „Wa aleikum salaam.“ Der Friede sei auch mit Euch. Continue reading ‘Kasbah du Chocolat (1)’

Dreier-Pasch

Nach dem Posten des ersten Teils meines kleinen Kurzgeschichten-Projekts für den Textilstrand war ich sogleich ins Stocken geraten. Jedes Mal, wenn ich mich an den Rechner setzte, dasselbe Spiel: tippen – markieren – löschen. Nicht ein einziger Satz, der etwas getaugt hätte. Irgendwo hing es und ich wußte nicht wo.

Gestern dann kam mir ein erlösende Gedanke, nachdem ich mir “The Darjeeling Limited ” angeschaut hatte: Ich hatte den Humor vergessen! Nicht, dass ich mir anmaßen würde, so wunderbar schräge Charaktere und Szenen schreiben zu können wie Wes Anderson und seine Kompagnons. Für dieses Blog-Projekt hatte ich mir den Islam und die zaudernde Position des Westens dazu vorgenommen. Ich glaubte, dass müsse doch Ernst sein. So’n Quatsch! In Marokko habe ich einige so komische und zugleich tief menschliche Momente erlebt, es wäre einfach dumm von mir, diese nicht in der Geschichte wieder zu geben.

Womit wir auch schon bei der zweiten Erkenntnis des gestrigen Abends sind: Continue reading ‘Dreier-Pasch’

Salaam Aleikum

fussballkinder marokko Salaam Aleikum |

Hier nun also der erste Happen der angekündigten Geschichte.

Die Männer des Dorfes, mit dem Gebetsteppich unterm Arm, schlendern die Straße entlang, plaudern miteinander, der eine kickt einen Fußball zurück zu ein paar spielenden Kindern. Sogar mir winken sie wie einem alten Bekannten zu, als wäre ich nicht erst 36 Stunden, sondern schon drei Wochen hier. Wa aleikum salaam. Der Friede sei auch mit Euch, ihr neuen Freunde.

Das Minarett ist ein hoher, viereckiger Turm, der das Dorf überragt ohne es zu dominieren. Wie alle Gebäude hier ist es gebaut aus Lehm und Holz; aus der roten Erde des Hohen Atlas, die in der Sonne leuchtet, in schattigen Ecken jedoch braun wie Vollmilchschokolade ist. Die Kanten sind mit weißen Steinen verziert und oben hängt ein Lautsprecher aus dem Fenster. Heute Morgen krähte ein Hahn gegen das Rufen des Muezzins an.

Ein Muezzin solle eine schöne Stimmen haben, sagt der Reiseführer. Warum kaufen sie dann aber billige, scheppernde Lautsprecher, die die ‚schöne’ Stimme so verzerren, dass genauso gut ein Lamm ins Mikro blöken könnte und man den Unterschied nicht hören würde? Doch so etwas zu sagen, gilt wahrscheinlich schon als Gotteslästerung. Wozu mir der Storch von gestern einfällt: Auf der Fahrt hierher habe ich vom Bus aus ein Minarett gesehen, auf dessen Spitze ein großes Nest gebaut war. Darin stand ein etwas zerzauster Storch. Cooles Vieh, dachte ich, flieht genauso wie ich vor dem grauen Berliner Winter hierher und steigt den Muslimen erst mal aufs Dach.

Frohes Neues!

Allen Strandbesuchern die besten Wünsche für 2008, vor allem ein bisschen frischen Wind und natürlich Sonnenschein! Danke für’s Vorbeischauen.

hoher atlas Frohes Neues! |

Kurz vor Weihnachten fanden sich noch einige Urlaubstage, schnell wurden ein paar Euros zusammengekratzt und schon saß ich im Flieger nach Marrakesh. Das erste Mal auf dem afrikanischen Kontinent, das erste Mal in einer islamischen Gesellschaft. Die Menschen, die mir begegneten, mich in ihre Häuser, zu ihren Freunden und Familien einluden und ihr Essen mit mir teilten, zeichneten sich durch eine Warmherzigkeit aus, die mich sehr berührte. Mir als Außenseiterin erschien ihre Religion als tolerant und ungemein flexibel im Alltag. Das Los der Frauen auf dem Land ist jedoch hart: das Familieneinkommen wird in die Ausbildung der Söhne investiert, die Mädchen besuchen die Grundschule, danach wartet ein Leben im Haushalt und auf den Feldern auf sie. Ich war Gast in einem von Religiosität geprägten Land; doch das Gesicht des Islam (mit und ohne Schleier) das mich anlächelte, sah ganz anders aus, als die islamistische Fratze, die so häufig in unseren Medien vorgeführt wird. Continue reading ‘Frohes Neues!’

Wassertemperatur

Ein heißes Bad wärmt
vom Streit schlotternde Seelen
verloren in zwei
Körpern vereinsamt im Bad.

Einsame Seelen
verlieren sich in Körpern
im Streit fiebrig um-
schlungen im kühlenden Bad.

Eine alte Dame

Eine erste Annäherung an das Thema. Die richtige Form ist noch nicht gefunden.

06:30h. Eine alte Dame greift mit der Rechten ihr linkes Handgelenk. Durch die Spitzengardine fällt gelbes, gewürfeltes Licht. Jeden Morgen probiert sie es erneut: Sie führt die Hand über den Bauch, zieht sie etwas hoch, das Federbett raschelt dazu, und klatsch! fällt sie herunter.

06:32h. Neunzig schnelle, etwas ruppige Striche von der Schulter bis zu den Fingerspitzen – einen für jedes Jahr, das ihr der Arm gehorcht hat. Anschließend reißt sie das Blatt mit dem gestrigen Datum vom Kalender, zerknüllt es und wirft es hinter das Bett. Wollmäuse toben um den Haufen überstandener Tage.

07:13h. Vorher konnte sie sich auf den Pfleger stützen und mit ihm die fünf Schritte zur Toilette tapsen. Jetzt wechselt er eine Windel und versprüht Raumspray der Sorte „Meeresbrise“.

07:45h. Der Himmel ist genauso grau wie die Leberwurst auf dem Brötchen.

08:44h. Mit Augen stumpf vom Star verfolgt sie jede Minute, wie sie einzeln zur Tür hinaus kriecht.

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Instinkte eines Berufsparanoikers

Benjamin Stein lädt in seinem Turmsegler ein, eine eigene Variante der Bus-Szene aus Raymond Queneaus 101 Stilübungen zu schreiben. Hier also mein Versuch. Da mein Französisch ohnehin nur noch zum Bestellen von Essen taugt und ich mich schon gar nicht mit französischen Dialekten auskenne, wird hier der Dialekt einer anderen europäischen Hauptstadt gesprochen.

„Die Kameras am Gare Saint-Lazare zeichnen einen ganz normalen Tag auf. Berufsverkehr, zehntausende Pendler, Menschen wechseln Züge oder koofen eine Zeitung. Da. Ein Ticket ploppt auf meinem Bildschirm auf. Die Überwachungszentrale der Busgesellschaft beobachtet schon seit einigen Minuten eine Rangelei in einem Bus der Linie S, Richtung Champeret, Kennzeichen 2928 TW 75. Es dauert eine Minute und 22 Sekunden bis ich mich in die Kamera des Buses eingeklinkt habe. Continue reading ‘Instinkte eines Berufsparanoikers’

Die erste Nacht des Winters

Nur noch drei Schritte bis zur Bürotür. Die Welt dahinter wurde entführt. Es ist nichts mehr da: keine Autos, keine Menschen, die Gebäude auf der anderen Seite des Platzes sind verschwunden. Alles wurde aufgelöst in diesem reinen Schwarz des Winters. Eine Laterne funzelt müde dagegen an.

Buchen, Eichen, Birken und einige Kiefern wiegen sich im Wind. Nur zwei Meter neben dem Weg wird aus der Dunkelheit jenes schwarze Reich, dass meine kurzsichtigen Augen nicht durchdringen können. Einige Blätter zischeln ihrem Baum einen letzten Gruß zu, bevor sie von den Reifen meines Rades zermalen werden. Nur gen Norden zeichnen sich Äste gegen die von der Großstadt angestrahlten Wolken ab. Dunkle, zuckende Striche auf smok-brauner Leinwand.

Ein Schrei fährt aus dem Boden. Im Humus hat er sich aufgebläht, den langen Atem gesammelt und bläst in die Nacht hinein, Blätter und Käfer werden zu den Baumkronen empor geschleudert. Continue reading ‘Die erste Nacht des Winters’

Flussdelfine

Blitze reißen durch die Nacht. Für die Länge eines Lidschlags leuchtet der Himmel auf: schwarz, dann gleißend weiß, wieder schwarz. Das nächste Donnern rollt von Süden heran, gespeist aus den finsteren Wolken, die über der Mark und den Kiefernwäldern hängen. Ein dumpfes Grollen wie in einem Film. Die Art Donner, die ein Geräuschemacher aus einer Kupferfolie schüttelt. Da, noch ein Blitz: meine Haut glänzt hell wie der Mond. Thomas schnauft sich durch einen Traum, Arme und Beine von sich gestreckt, als treibe er auf offener See. Ich will ihn küssen. Erst die Augen, die Nasenspitze, zuletzt die Stirn. Möchte seine Wimpern zählen. Man sollte wissen, wie viele Wimpern der Geliebte hat.

Erinnerung an die Ägäis, den Urlaub letzten Sommer, Wasser unter mir, fühle ich Sonne auf meiner Gänsehaut. Kann den Raum spüren, die Decke über uns, durch das Fenster hindurch den Regen, jeden Fingerbreit Luft zwischen den Tropfen, die fallen, in der Nacht glitzern, ein unendlicher, reiner Raum vor unserem Haus, in meinem Geist, durch den Wassertropfen rieseln, eine kalte, klare Wachheit in mir.

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Den Sommer verabschiedet

Die Allee still im
letzten Licht. Eicheln knacken
unter jedem Schritt.