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Haus der Statistik: Hüllen

2011 04 7 max 300x225 Haus der Statistik: Hüllen | prosa palast der republik haus der statistik design ddr berlin architektur alexanderplatz Bin nur noch Hülle, viele Hüllen, umhüllte Hüllen. Suchen Sie sich eine meiner Fensterreihen aus. Schauen Sie ganz kurz auf jedes Fenster in dieser Reihe, von rechts nach links, oben nach unten, hinten nach vorne, wie Sie möchten. Sagen Sie bei jedem Fenster Hülle. Ganz schnell nacheinander: Hülle Hülle Hülle Hülle Hülle Hülle. Das Wort wird zu etwas Eigenständigem, Abstraktem, lässt seine Bedeutungshülle fallen und ist nur noch kurzes Hauchen, eine knappe, schlagende Bewegung der Zunge, im Klang direkt neben der Hölle. Hülle Hülle Hülle Hülle. Rhythmisch, ohne Zierrat, wie meine Fassade, Fenster an Fenster, Rahmen, Glas, Rahmen, Glas, darunter eine Reihe weißer Platten, dann wieder Rahmen, Glas, Rahmen, Glas.

Das ist meine Fassade. Ich bin ein Gebäude, früher hieß ich “Haus der Statistik“. Diese Fassade könnte mein Gesicht sein. Doch es ist kein Leben mehr in mir. Die Fenster dreckig und allzeit dunkel, die weißen Platten ergraut: geblieben ist eine von Architekten gestaltete Totenmaske. Auf meinen Fluren klappern keine Schuhe mehr. In den Zimmern stehen keine Möbel mehr, die Akten, Zahlenkollonen, Diagramme, Tafeln, Menschen, Stühle, Kaffeemaschinen, Zimmerpflanzen, Stifte, Büroklammern, heimlichen Wodkavorräte – alle sind sie weg. Es steht noch meine äußere Hülle, von der der Regen die Farbe langsam abwäscht.  Eine Vielzahl von Wänden, die im Innern Hüllen für leere Zimmer bilden. Auf jeder Etage wackelige Trennwände aus Sperrholz, die Klosetts verhüllen. Trocken gelegte Klosetts, denn der Hauptwasserhahn ist seit Jahren zugedreht. Hülle Hülle Hülle. Ein Hauchen und Zungenschlagen. Verstaubt, muffig, leer.

2011 04 06 15.16.28 166x300 Haus der Statistik: Hüllen | prosa palast der republik haus der statistik design ddr berlin architektur alexanderplatz Ab und an interessieren sich Touristen für meine äußere Hülle. Sie fotografieren mich, vor allem die dampfende Kaffeetasse. Immerhin werde ich wahrgenommen. Immerhin schafft es ein Bild von mir in das Bewusstsein einiger Passanten. Das ist mehr, als den meisten anderen Gebäuden dieser Stadt zuteil wird. Menschenaugenpaare gleiten zwar über deren Fassade, doch werden sie nicht gesehen. Diese Gebäude werden im Ultrakurzzeitgedächtnis der Menschen als nicht lebensnotwendiger und uninteressanter Wahrnehmungsmüll gleich wieder entsorgt. Über mich formt sich wenigstens ein Gedanke in den Hirnen der Betrachter: Ist schön, ist hässlich, muss weg, muss bleiben, was war das noch mal? Ach Erna, weißte noch, die Suhler Jagdhütte? Und der Nataschaladen! Sie schenken mir einige Sekunden ihrer wachen Zeit. Dafür bin ich dankbar.

Meiner Eitelkeit hat es geschmeichelt, dass ich gezeichnet und auf T-Shirts und Kissenhüllen gedruckt wurde. Dass ich mit etwas rotem Licht bestrahlt erst zu einer Kunstaktion wurde, später sogar für einige Wochen an einem imaginären Meer gestrandet war. Doch all diese Aufmerksamkeit wärmt nur für einen Augenblick. Ich bin und bleibe ein ausgeweidetes Gebäude ohne Funktion. Als die Party zur Wiedervereinigung vorbei war, war ich der neuen bundesdeutschen Beamtenfamilie so lästig wie ein zappeliger Köter, den man nicht mit in den Sommerurlaub nehmen will. Die staatlichen Statistiken werden jetzt in einem höheren Gebäude, das aber ebenso lange, gleichmäßige Fensterreihen hat wie ich, in Wiesbaden erstellt. Eine neue Bestimmung wurde für mich und meine alten DDR-Nachbarn nicht gefunden. Dem Berliner Beamtenadel fiel nur eines ein: abreißen. Irgendwann.

2011 04 7 300x225 Haus der Statistik: Hüllen | prosa palast der republik haus der statistik design ddr berlin architektur alexanderplatz Nun stehe ich hier und warte auf die Gnadenbirne. Bei Ostwind zittern die Fensterscheiben in den Rahmen und mir entfleucht ein Ächzen. Es steigt aus dem Keller auf, kriecht durch die Fahrstuhlschächte und Treppenhäuser hoch, zögert kurz unter dem Flachdach bis es durch die Dachpappe dünstet und sich in den Berliner Abendhimmel verflüchtigt. Hoch über der Stadt sammelt sich an solchen Ostwind-Abenden eine Wolke aus Seufzern der heruntergekommenen Gebäude. Wir gedenken der Nachbarn, die von ihrem sinnlosen Dasein bereits erlöst sind. Manchmal schallt es spöttisch aus dem Westen herüber: “Jammerossis”. Glauben die wirklich, einen Haufen baufälliger Untoter damit beleidigen zu können?

Wir Ostschabracken trösten uns gegenseitig, indem wir uns an windstillen Abenden die neuesten Gerüchte zutuscheln. Unser liebster Klatschgegenstand ist der große Vorzeigebruder der sozialistischen Architektur: der Palast der Republik. Zu seinen Lebzeiten zogen wir voller Neid und Misgunst über ihn her. Darüber, dass knappe Devisen für Baumaterial aus dem Westen verprasst wurden, dass die besten Brigaden mit den geschicktesten Bauarbeiter-Händen sein Stahlträgerskelett schweißten und die weißen Marmorplatten außen montierten. Marmor! Wer von uns wagte denn, davon auch nur zu träumen? Vor allem aber konnten wir es nicht ertragen, dass der Palast seine ganzen 30 Lebensjahre lang liebevoll gewienert und repariert wurde, während wir wegen chronischen Materialmangels verwahrlosten.

Zum Ende wurde dem Palast übel mitgespielt. Der jahrelange Leerstand, die brutale Asbestsanierung, der lange, qualvolle “Rückbau”-Tod – das hatte er nicht verdient. So freuen wir uns jedes Mal, wenn wieder ein Gerücht über die Schornsteine weht, dass irgendwo Material aus dem Palast eingesetzt wird. Mal sollen junge Menschen auf seinen Granitplatten skaten, mal werden die bronzenen Fenster in einem Seniorenzentrum in Schleswig-Holstein, in einem Pavillion in Südfrankreich oder einer Skulptur in Stuttgart verbaut. Die wildesten Gerüchte ranken sich aber um sein wuchtiges Stahlskelett. Hartnäckig hält sich eine Legende, wonach die Stahlträger zur tragenden Struktur eines Neubaus in Mitte zusammen geschweißt wurden.

Es sind diese kleinen Auferstehungsgeschichten, die den Schmerz in den kalten Betonfundamenten lindern. Die mir helfen, die Wartezeit zu überstehen, bis ich unter den Schlägen der Abrissbirne endlich zu Staub werde.

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Nach meiner kleinen, größeren Planänderung und der Reduzierung der Erzählperspektiven, weiß ich nicht, ob dieses Kapitel überhaupt noch Teil der Erzählung werden wird. Aber ich kann es gut leiden. Ich habe über drei Monate hinweg immer mal wieder daran gearbeitet. Also dachte ich: Planänderung – na und?!  Der Textilstrand ist ein Arbeitsjournal, da dürfen auch mal bereits abgeschriebene (*harhar*) Texte veröffentlicht werden.

Das letzte Frühstück

[Mary-Ellen O'., Platz der Vereinten Nationen, Berlin-Friedrichshain]

leninplatz1 300x141 Das letzte Frühstück | wende ungarn roman prosa mary ellen leninplatz herbst 89 flucht ddr berlin

Meine Wohnung gehörte einmal anderen Menschen. Doch ihre Besitzer haben nie den Mietvertrag gekündigt. Oder was auch immer man in der DDR getan hat, wenn man aus einer Wohnung ausziehen wollte. An einem Morgen im frühen Herbst 1989 haben sie ein letztes Mal den kleinen Resopaltisch in der Küche für zwei Personen gedeckt: Teller, Kaffeetassen, eine Kaffeekanne und Zuckerdose – alles aus weißem Colditzer Porzellan mit einem sehr hübschen 70′er Jahre Blumenmuster in Kobalt- und Himmelblau (auf der Unterseite ist das cp-Logo und “made in GDR” zu lesen) – dazu Edelstahlbesteck, ein Glas RoKoMa-Marmelade schwarze Johannisbeere, eine Butterdose aus orangem Plastik. Das war’s. Kein üppiges Festmahl, wohl eher ein schnelles, wenn auch kein gehetztes Frühstück. Immerhin nahmen sich die Bewohner die Zeit, Geschirr und Besteck in die Spüle zu stellen, den Stecker des Kühlschranks und sämtlicher Elektrogeräte in der Wohnung zu ziehen, die Bettdecken zum Lüften zurück zu schlagen und dann erst zu gehen.

Jedenfalls stelle ich mir vor, dass sie gingen. Wer noch die Krümel vom Frühstückstisch wischt, der wird nicht aus der Wohnung schleichen oder flüchten oder gar laufen. Nein, so jemand verlässt sie korrekt gekleidet, als machte man sich auf den Weg zur Frühschicht. Keine Koffer, nur eine große Einkaufstasche unter dem Arm, darin wie jeden Morgen zuvor Thermoskanne, Brotdose und einen Apfel, um bei den Nachbarn keinen Verdacht zu erregen.

Ich habe mir ihre letzten Minuten in dieser, meiner Wohnung dutzende Male vorgestellt. Sie stehen im Flur, ziehen sich Mäntel an. Sie bindet einen fliederfarbenen Chiffonschal um. Sie sprechen kein Wort, atmen etwas schwer, er hustet. Er greift noch mal an die Stellen seines Mantels, wo geheime Taschen eingenäht sind. Ein Hauch Funierpflege liegt in der Luft, sie hat am Abend zuvor stundenlang die Wohnung geschrubbt, wollte sie ordentlich hinterlassen. Dann drückt sie seine Hand und sie gehen. Ziehen die Tür leise zu. Schließen nicht ab. In der Hoffnung, diese Wohnung, dieses Land nie wieder zu betreten.

Sasse. So stand es noch am Klingelschild, als ich zum ersten Mal vor dieser Wohnungstür stand. Herr und Frau Sasse, “anständige Leute” wie mir Frau Gutschmidt Jahre später erzählte. Sie sagte, er sei Techniker in irgendeinem VEB gewesen, sie Verkäuferin im Centrum Warenhaus am Alexanderplatz. Sie seien gerne und viel verreist, “hatten ja keine Kinder” wie Frau Gutschmidt hinzufügte, hätten den ganzen Ostblock gesehen. Ihre Reiselust habe sie bis nach Moskau und Leningrad gebracht.

In der Wohnung fand ich die Insignien reisefreudiger Menschen: Landkarten, Reiseführer, Wörterbücher, Souvenirs, einen Kompass, ein Reisenähset und einen kleinen Fön mit klappbarem Griff und Bügeleisenaufsatz. Ich habe mir ausgemalt, wie Herr Sasse knieend auf einer Schlafwagenpritsche damit perfekte Bundfalten in eine Hose gebügelfönt hat. Frau Sasse hatte eine umfangreiche Sammlung von Pailletten- und Spitzenoberteilen, in denen sie nicht nur in den Opernhäusern des Ostens eine elegante Erscheinung gewesen wäre. In einem Anflug von kindlicher Verkleidungslust versuchte ich ein einziges Mal, mir eines ihrer Kleidungsstücke anzuziehen. Es war ein schwarz glitzerndes Oberteil mit Pailleten und Fledermausärmeln. Auf halbem Weg zwischen Handgelenk und Ellenbogen blieb ich im Ärmel stecken. Beim Versuch, meinen Arm zu befreien, ging eine Naht kaputt, die ich von Hand wieder reparierte, bevor ich das Oberteil in den Karton zu den anderen Sachen legte.

Im Wohnzimmer wurden in einer abschließbaren Vitrine die Andenken von unten beleuchtet: Sammelteller aus jeder Hauptstadt der Warschauer-Pakt-Staaten und bunte böhmische Kristallschalen. Dazwischen stand eine Matroschka, die mit ihren roten Backen und den feisten Rundungen merkwürdig deplatziert in diesem funkelnden Erinnerungsschatzkästchen wirkte. In einer Schublade direkt unter der Vitrine lagen die Landkarten in alphabetisch sortierten Haufen. Sasses hatten darin ihre Reiserouten mit Bleistift eingezeichnet, neben jedem Ort stand das Datum der An- und Abreise.

Obwohl sich ihr gesamter Hausstand noch in meinem Keller befindet, ich jeden Gegenstand, den sie in der DDR bessessen hatten, in meinen Händen hielt und in Kartons verpackte, ich den Stoff ihrer Unterwäsche zwischen meinen Fingern spürte und den Duft seines Rasierwassers und ihres Eau de Toilettes roch, als ich die Flaschen leerte und dann wegwarf: Sasses sind eine abstrakte Vorstellung für mich geblieben. Sie müssen ihre Flucht reiflich geplant haben. Ich habe keinen Brief, kein Foto, kein Tagebuch von ihnen gefunden. Kein einziges Wort, kein einziges Bild von diesen zwei Menschen, die laut Frau Gutschmidt seit den späten Siebzigern in meiner Wohnung wohnten. Nur ein paar Einkaufslisten in einer Frauenhandschrift.