Tag Archive for 'prosa'

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Letzte Nachrichten

Ich stelle die Tüten mit den Lebensmitteln auf dem Küchentisch ab. Jetzt aber schnell die dreckigen Stiefel ausgezogen. Auf dem Anrufbeantworter blinkt das rote Licht. Ich drücke den großen Knopf zum Abspielen und die weibliche Stimme aus der Blechdose scheppert los: „Eine neue Nachricht. Heute. Elf Uhr dreiundzwanzig.“ Piep.

„Salut. Du hast ja die Ansage noch gar nicht geändert. ‚Wir sind nicht zu Hause.’ Hhmm, so ganz ohne Mami ist es bestimmt sehr einsam für Dich. Die langen Abende sind das Schlimmste, die kenn’ ich auch nur zu gut. Immerhin hast Du die Band. Mit Proben und Auftritten hast Du doch bestimmt viel zu tun, oder? Ich muss meine Einsamkeit ja auch noch allein in einer fremden Stadt ertragen.“ Theresa lacht ihr aufgesetztes, auf dem Band besonders schrill klingendes Lachen. „Fremde Stadt. Was sag’ ich denn da. Paris, Paris, Dich kenn’ ich wie meine Westentasche. Trotzdem – ich beneide Dich schon ein wenig. Kommst jeden Tag an den Orten unserer Kindheit vorbei. Und solchen, die Dich an Mami erinnern. Weißt Du noch, wie wir jeden Freitag, nachdem wir Taschengeld von Mami bekommen hatten, zu Mrs. Bakers Laden gegangen sind, um Bonbons zu kaufen? Ach, die gute Mrs. Baker…“

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Mit kalten Lippen

Die Heavy-Metal-Musik trifft sie unerwartet, als sie die Tür öffnet. Tagsüber hatten sie noch miteinander telefoniert, nichts Beunruhigendes war in seiner Stimme zu hören gewesen. Jetzt kreischen Gitarrenriffs durch das Haus. Auf dem Treppenabsatz hockend, mit beiden Händen über den Ohren, fällt es ihr wieder ein: der Besuch im Krankenhaus. Nach der Arbeit hatte er hinfahren wollen.

Sie findet ihn auf dem Bett, noch in Schuhen und Jacke. Als sie die Musik ausschaltet, bleiben seine Augen geschlossen. Durch die Jalousie fällt das Licht der Straßenlaterne in gelben Streifen auf die Wände. Sie streicht ihm über die Wange, knöpft vorsichtig sein Hemd, dann die Hose auf. Von den Füßen her breitet sich eine Gänsehaut über ihn aus. Sie deckt ihn erst mit ihrer Decke zu, bevor sie sich selbst auszieht und zu ihm schlüpft.

Sie nimmt ihn fest in den Arm. Tränen tropfen von seinen Wangen auf ihre Brust. „Ihre Tochter fütterte sie gerade, als ich rein kam. Als wir zusammen waren, war die Kleine anderthalb. Da hab’ ich sie noch gefüttert.“ Mit dem Mond steigt ein mattes Schweigen zwischen ihnen auf. Nur unterbrochen vom leisen Schmatzen eines Kusses, der statt auf seiner Stirn auf seiner Augenbraue landet. Ihr fröstelt entlang der Spur seiner Tränen.

Chengdu’er Bambus

Wangjianglou-Park, Chengdu, Provinz Sichuan, Volksrepublik China

Hundert Sorten Bambus, manche hell mit zitternden Blättern. Andere wachsen in Hainen, meterhoch, die Rohre klappern aneinander. An der Flussbiegung steht eine Pagode, ihr Gebälk mit quietschrotgelben Blumen verziert. Von der Spree zurück zum Jinjiang-Fluss fliegen meine Gedanken auf Phönixflügeln. Auf zum Silber leuchtenden Horizont!

Von den Ohren aufwärts ragte mein Kopf über Sichuanesen empor, die Nase länger, die Haut weißer. Wurde bestaunt bei jeder Bewegung. Männeraugen blickten auf, konnte ihren Ausdruck nicht deuten. Abends wusch ich Staub vom Gesicht und schnaubte schwarzen Dreck. Ich lebte damals, wo der Pfeffer wächst.

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Abseits

Der Fernsehturm blinkt, stachelt das Gewitter an. Einsame Menschen laufen Runde um Runde: grünes Fußballherz, rote Planetenbahn, staubiger Sprungkastensatellit. Schweiß- und Regentropfen fallen, verdunsten, fallen, zerplatzen auf der Bahn. Es donnert.

Einer mit taumelndem Schritt
überholt das Mädchen
mit den knappen Hosen.
Pimpern, denkt er, immer
wieder Pimpern.
Wie eine Zunge
im Gesträuch mit der Kleinen
leckt der Schweiß
seinen Rücken.

Der Bursche sieht nicht die Gestalt, die sich am Rand des Sportplatzes duckt, sich am Gebüsch entlang zum Spielfeld hin schiebt. In schwarzer Hose und schwarzem Trikot, mit schwarzen Strümpfen bis zu den Knien, hält er eine Fahne weit von sich gestreckt. Ein rotes, hängendes Rechteck mit einem kleinen Mann hintendran, beachtet nur vom Mädchen in knappen Hosen.

 

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